Vorbemerkung
Grenzen im Hundetraining sind kein Zeichen von Härte oder Kontrolle, sondern die Grundlage dafür, dass Hunde Orientierung, Sicherheit und tragfähigen Freiraum entwickeln können. Bevor wir in dieses Thema einsteigen, möchte ich ein paar persönliche Worte an Sie richten.Grenzsetzung im Hundetraining ist ein Thema, das mich seit vielen Jahren begleitet, nicht nur fachlich, sondern vor allem im täglichen Arbeiten mit Hunden und ihren Menschen. Gleichzeitig ist es ein so vielschichtiger Bereich, dass er sich nicht sinnvoll in einem einzigen Text behandeln lässt, ohne dabei zu verkürzen oder zu vereinfachen.
Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, das Thema Grenzsetzung im Hundetraining in drei aufeinander aufbauende Teile zu gliedern. Jeder Teil beleuchtet einen anderen Aspekt, alle zusammen ergeben jedoch ein zusammenhängendes Bild. Heute beginnen wir mit dem ersten Teil, der sich mit Freiraum, Orientierung und sozialer Auseinandersetzung beschäftigt. Morgen folgt der zweite Teil zum Lernen, zu Belohnung und Strafe. Im dritten Teil schließlich geht es um Konsequenz, Verantwortung und Fairness im Alltag.
Alle drei Texte stehen unter demselben Oberthema. Sie sind einzeln lesbar, entfalten ihre volle Tiefe jedoch im Zusammenhang.
Warum Hunde Grenzen brauchen
Über Freiraum, Verantwortung und die Kunst der sozialen Auseinandersetzung
Viele Hundehalter*innen wünschen sich einen Hund, der frei laufen kann, sich entspannt im Alltag bewegt und auch in anspruchsvolleren Situationen ansprechbar bleibt. Der Traum vom „unkomplizierten Hund“ ist weit verbreitet. Gleichzeitig berichten viele Menschen von genau dem Gegenteil: Der Hund hört draußen nicht mehr (zu), entfernt sich immer weiter, überschreitet Grenzen oder wirkt zunehmend unkontrollierbar.
Zwischen diesen beiden Polen entsteht häufig eine zunehmende Verunsicherung. Man hat doch alles gut gemeint. Man war geduldig, hat viel erlaubt, Konflikte vermieden, dem Hund bewusst Freiraum gegeben. Und trotzdem scheint sich der Hund nicht verlässlicher am Menschen zu orientieren, sondern im Gegenteil, immer mehr eigene Wege zu gehen. Das irritiert viele zunächst. Schließlich war Nähe gewollt, Freiheit bewusst gegeben, Kontrolle möglichst ausgeübt. Sätze wie: Eigentlich hatte ich meinen Hund unter Kontrolle …, häufen sich.
Was dabei oft übersehen wird: Orientierung entsteht nicht allein aus Wohlwollen oder Geduld. Sie entsteht dort, wo ein Gegenüber spürbar ist. Wo Verhalten Rückmeldung erfährt. Wo der Hund erlebt, dass sein Handeln gesehen und eingeordnet wird und nicht erst dann, wenn es problematisch wird, sondern schon dann, wenn es beginnt, sich zu verschieben.
Was dabei selten offen ausgesprochen wird, ist eine grundlegende Frage, die allem vorausgeht: Wie entsteht eigentlich Orientierung?
Denn Freiheit ist kein Zustand, den man beschließen kann. Freiheit ist ein Ergebnis. Und sie entsteht nicht dort, wo Grenzen fehlen, sondern dort, wo sie verstanden werden.
Meine Erfahrung aus dem Leben und was sie über Orientierung erzählt
Manche Zusammenhänge erschließen sich nicht theoretisch, sondern erst im Rückblick auf Situationen, die damals einfach nur anstrengend oder gefährlich waren.
Während meines Studiums habe ich immer wieder als Kellnerin gearbeitet, unter anderem in einem Café, das tatsächlich ein Wintergarten war. Ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit tropischen Pflanzen, Wasserläufen und kleinen Brücken. Für Gäste ein besonderer Ort. Für Kinder ein Abenteuerspielplatz.
Mein Arbeitsbereich lag ganz hinten (Es wäre also grundsätzlich der weiteste Weg, weil ich ja nicht zur Stammbesetzung gehörte – aber das nur mal so nebenbei). Um dorthin zu gelangen, musste ich jedes Mal über eine schmale Brücke laufen, die über Wasser führte. In den Händen schwere Tabletts, große Schlitten, beladen mit Kaffeegedecken und heißem Kaffee. Jeder Schritt erforderte Aufmerksamkeit.
Die Kinder rannten währenddessen durch das Lokal. Sie liefen zwischen den Tischen hindurch, wechselten abrupt die Richtung, tauchten plötzlich vor meinen Füßen auf. Sie waren neugierig, aufgeregt, voller Energie. Niemand schien sich dafür zuständig zu fühlen. Die Erwachsenen saßen an ihren Plätzen, unterhielten sich, reagierten nicht oder waren auf der Tanzfläche zum Sonntagskaffee mit Musik und Tanz.
Ich versuchte auszuweichen, langsamer zu gehen, besonders aufmerksam zu sein. Doch irgendwann kam es, wie es kommen musste. Auf der Brücke, mit einem voll beladenen Tablett, lief plötzlich ein Kind direkt vor meine Füße. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, auszuweichen; ich stürzte mitsamt Tablett ins Wasser, um die Kinder nicht zu verletzen.
Erst in diesem Moment kam Bewegung in die Situation. Erst jetzt standen die Eltern auf. Erst jetzt wurde gehandelt. Mit den Kidern wurde geschimpft, sie grob zurück an den Tisch gebracht.
Rückblickend wurde mir klar: Die Kinder hatten nichts falsch gemacht. Sie hatten getan, was Kinder tun, wenn ihnen niemand Orientierung gibt. Sie hatten ihr Verhalten gesteigert, weil keine soziale Rückmeldung erfolgt war.
Soziale Auseinandersetzung ist ein Grundbedürfnis
Diese Erfahrung hat sich mir nicht wegen des Sturzes eingeprägt, sondern wegen dessen, was ihm vorausging. Lange Zeit hatte niemand reagiert. Keine Grenze benannt. Keine Verantwortung übernommen. Erst als etwas eskalierte, wurde eingegriffen.
Soziale Auseinandersetzung ist kein Streit im negativen Sinne. Sie ist kein Zeichen von Härte oder Autorität. Sie ist ein Grundbedürfnis sozial lebender Wesen. Bleibt sie aus, wird sie eingefordert. Manchmal fast umerkbar, manchmal laut, manchmal auf eine Weise, die für alle Beteiligten unangenehm wird.
Was sich in diesem Wintergarten gezeigt hat, ist kein Sonderfall. Es ist ein soziales Prinzip und genau dieses Prinzip begegnet uns im Zusammenleben mit Hunden immer wieder.
Freiheit muss getragen werden können
Auch im eigenen Zusammenleben mit Hunden zeigt sich dieser Zusammenhang oft deutlicher, als man es zunächst wahrhaben möchte. Ich gebe gebe wieder ein persönliches Beispiel:
Mein Rüde, Dante, war als Welpe ausgesprochen süß. Orientierung fiel ihm leicht, aber nur an anderen Hunden. Nähe war selbstverständlich, Freiheit schien kein Problem zu sein, er lief immer schön mit den Großen mit. Lange Zeit wirkte alles stimmig. Es gab keinen Anlass, Dinge infrage zu stellen.
Mit zunehmender Entwicklung begann sich jedoch etwas zu verändern. Dante wurde eigenständiger, traf mehr eigene Entscheidungen und entfernte sich innerlich wie äußerlich immer weiter. Rückblickend gab es einen Punkt, an dem ich zu spät wahrgenommen habe, dass der vorhandene Freiraum ihn nicht mehr getragen hat.
Die Konsequenz war kein vorsichtiges Nachjustieren, sondern eine klare Entscheidung: Wir mussten ins gezielte Training, ins Boot – Camp, wie ich es nannte. Nicht, um Freiheit zu erzwingen, sondern um Orientierung neu aufzubauen.
Meine Haltung war dabei von Anfang an klar. Wir trainieren so, dass wir uns wieder gut miteinander arrangieren können. Dante darf entscheiden, wie kooperativ er sein möchte und kann! Und ich entscheide, wie viel Freiheit ich ihm dafür gebe.
Auf die häufige Frage aus meinem Umfeld, ob Dante denn immer noch an der Leine sei oder ob ich ihn immer noch nicht frei laufen lasse, habe ich zu der Zeit stets gleich geantwortet: Nein.
Und wenn dieser Hund ein Leben lang an der Leine bleiben müsste, dann wäre auch das in Ordnung gewesen. Denn wer mit Freiheit nicht umgehen kann, kann sie auch nicht erhalten.
Wir sind diesen Weg konsequent gegangen. Heute läuft Dante etwa achtzig Prozent unserer gemeinsamen Runden ohne Leine. Nicht, weil ich Freiheit beschlossen habe, sondern weil er sie inzwischen tragen kann.
Orientierung ist gewachsen. Und Freiheit konnte daraus entstehen.
Freiraum ist kein Ideal, sondern ein Rahmen
Kaum ein Begriff wird in der Hundehaltung so positiv besetzt wie der des Freiraums. Freilauf, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit gelten als Zeichen einer gelungenen Beziehung. Doch Freiraum ist kein ideologisches Konzept. Er ist ein funktionaler Rahmen.
Wie groß dieser Rahmen sein kann, entscheidet nicht der Wunsch des Menschen, sondern die Fähigkeit des Hundes, mit Freiheit umzugehen.
Ein Hund, der zuverlässig ansprechbar ist, der auch bei Ablenkung Orientierung zeigt und keine selbstgefährdenden Entscheidungen trifft, kann Freiraum tragen. Ein Hund hingegen, der nach dem Ableinen sofort außer Reichweite ist, jagdlich oder impulsiv reagiert oder auf Ansprache nicht mehr erreichbar ist, braucht Begrenzung. Nicht als Strafe, sondern als Schutz, für sich selbst und für andere.
Freiraum ohne Grenze ist kein Geschenk. Er ist Überforderung.
Schlussgedanke
Am Ende wünschen sich die meisten Menschen einen Hund, der sich freiwillig orientiert. Der kommt, wenn man ihn ruft, bleibt, weil er bleiben möchte. Ein Weggefährte, der sich entscheidet, weil er weiß, woran er ist.
Dieser Hund entwickelt sich nicht dahin durch permanente Belohnung. Und auch nicht durch Kontrolle. Er entwickelt sich dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, Grenzen zu setzen und soziale Auseinandersetzung nicht zu scheuen.
Denn nur dort, wo Klarheit herrscht, kann Freiheit wachsen.



