Praxiserfahrungen aus meinem Alltag
Warum dieser Praxisteil anders aufgebaut ist
Bis hierhin ging es in der Serie viel darum, warum Hunde in Begegnungen unter Stress geraten, was im Nervensystem passiert und weshalb Verhalten oft nur die sichtbare Spitze ist. Mit diesem Praxisteil wechsle ich bewusst die Ebene. Nach Stress wieder herunterfahren zu können, ist für viele Hunde nach belastenden Begegnungen entscheidend, damit Anspannung nicht bestehen bleibt oder sich weiter aufschaukelt.
Jetzt geht es nicht mehr um Erklärungen aus der Distanz, sondern um gelebte Erfahrung. Um Situationen, wie sie draußen wirklich passieren. Um das, was ich konkret tue, wenn Stress entstanden ist, und woran ich erkenne, ob etwas meinem Hund hilft oder nicht.
Das hier ist kein Trainingsplan und keine Anleitung zum Nachmachen. Es ist ein Einblick in meine Praxis. Sie dürfen beim Lesen prüfen, ob sich etwas davon für Sie stimmig anfühlt, ob Sie Parallelen zu Ihrem Hund erkennen oder ob Sie merken, dass ein bestimmter Weg für Sie eher nicht passt. Auch das ist ein wertvoller Lernprozess.
Praxisbeispiel 1
Nach Stress wieder herunterfahren:
Nach einer schwierigen Hundebegegnung in Bewegung kommen
Eine typische Situation: (Ein kurzer Hinweis vorab: Ich schreibe dieses Praxisbeispiel bewusst in der Gegenwart, weil es sich so unmittelbarer anfühlt. Die beschriebene Situation bezieht sich dabei nicht ausschließlich auf meinen aktuellen Hund. Einige Erfahrungen stammen auch aus dem Zusammenleben mit früheren Hunden. Um den Text ruhig und präsent zu halten, verwende ich dennoch durchgehend die Präsenzform.)
Uns kommt ein anderer Hund entgegen. Mein Hund spannt sich an, fixiert, vielleicht wird er laut oder zieht nach vorne. Die Begegnung ist vorbei, der andere Hund ist weg, aber ich merke sofort, dass mein Hund innerlich noch lange nicht wieder runtergefahren ist.
In solchen Momenten bleibe ich nicht stehen, um „Ruhe einzufordern“. Ich analysiere auch nicht. Stattdessen entscheide ich mich oft ganz bewusst für Bewegung.
Ich greife die Leine locker, verändere meine eigene Stimmung und laufe los. Nicht angespannt, nicht hektisch, sondern mit einer klaren, fast schon fröhlichen Energie. Manchmal gehen wir erst zügig, manchmal gehe ich direkt ins Joggen über. Ohne Ziel und ohne Plan. Einfach gemeinsam vorwärts.
Was mir dabei wichtig ist:
Ich mache daraus kein Training. Ich korrigiere nichts, ich fordere nichts ein. Es geht nicht um Leinenführigkeit oder Aufmerksamkeit. Es geht darum, dass der Körper meines Hundes die Spannung, die sich aufgebaut hat, wieder loswerden darf.
Ich beobachte dabei sehr genau, was passiert. Am Anfang ist die Bewegung oft noch kantig. Die Schritte sind hart, die Atmung hoch, die Körperspannung deutlich. Nach einer Weile verändert sich das. Der Gang wird gleichmäßiger, der Zug auf der Leine lässt nach, mein Hund beginnt, wieder wahrzunehmen statt nur zu reagieren.
Erst wenn ich merke, dass sich etwas löst, dass wieder Weichheit reinkommt, beende ich diese Phase. Dann wird das Tempo langsamer. Dann darf Ruhe entstehen.
Dieses Vorgehen passt nicht für jeden Hund. Es passt vor allem für Hunde, die nach Stress sehr körperlich sind, die Spannung im Körper tragen und für die Stillstand nach Belastung eher schwer auszuhalten ist. Bei anderen Hunden würde genau das Gegenteil passieren, sie würden sich durch Bewegung weiter hochfahren. Deshalb ist Beobachtung hier alles.
Praxisbeispiel 2
Hund nach Stress wieder herunterfahren über Atmung und Beziehung
Es gibt Situationen, in denen Bewegung meinem Hund nicht hilft. Gerade mein Rüde, Dante ,reagiert bei bestimmten Auslösern, zum Beispiel bei Wildsichtungen, anders. Er ist dann nicht nur körperlich aktiviert, sondern innerlich stark angespannt und fokussiert.
In solchen Momenten nehme ich ihn ruhig zu mir. Ich ziehe ihn nicht weg und rede nicht auf ihn ein. Ich stelle mich stabil hin und beginne, ganz bewusst hörbar zu atmen. Tief ein, langsam aus. Deutlich hörbar. Nicht übertrieben, aber klar.
Dieses Atmen ist kein Signal an meinen Hund im Sinne von „mach jetzt etwas“. Es ist zuerst einmal etwas, das ich tue. Ich reguliere mich selbst. Und genau darüber entsteht Wirkung.
Ich atme so lange, bis ich eine Veränderung wahrnehme. Manchmal hebt Dante den Kopf oder kommt näher. An anderen Tagen/ nach anderen Situationen sucht er Blickkontakt. Manchmal wird einfach nur die Körperspannung weicher. Und sehr oft kommt er dann zu mir und setzt sich dicht bei mir ab. Das sind die Zeichen, die mir zeigen mir, dass er wieder bei mir ankommt.
Wichtig ist dabei:
Ich mache das nicht nur in stressigen Situationen. Dieses ruhige, hörbare Atmen gehört bei uns auch in den Alltag, in völlig entspannte Momente. Genau deshalb funktioniert es später. Es ist nichts Besonderes, nichts Neues. Es ist vertraut.
Diese Form der Co-Regulation passt vor allem für Hunde, die stark über Beziehung regulieren, die Nähe suchen und sich am Zustand ihres Menschen orientieren. Sie funktioniert nicht mitten in der Eskalation, sondern danach, wenn der Hund wieder ansprechbar wird.
Praxisbeispiel 3
Das Wort „easy“ als Übergang zurück in die innere Ordnung
Zusätzlich habe ich für Dante ein Wort aufgebaut, das für einen bestimmten inneren Zustand steht. Bei uns ist es das Wort „easy“.
Ich setze dieses Wort nicht mitten in einer Eskalation ein. In einem Moment, in dem der Hund bereits im vollen Stressmodus ist, würde es ins Leere laufen. Dafür ist es nicht gedacht. Ich nutze es vielmehr im Übergang, also dann, wenn ich merke, dass sich Aufregung ankündigt oder wenn eine angespannte Situation gerade hinter uns liegt.
Das kann zum Beispiel nach einer Begegnung sein, die zwar nicht explodiert ist, aber deutlich Spannung hinterlassen hat. Oder in Momenten, in denen Dante innerlich hochfährt, etwa wenn er etwas wahrnimmt, das ihn schnell in Erregung bringen könnte. Genau dort hat dieses Wort für uns seinen Platz.
Wenn ich „easy“ sage, dann nicht beiläufig und nicht nebenbei. Ich spreche es bewusst sehr langsam, ziehe es in die Länge und gehe dabei mit der Stimme so tief nach unten, wie es mir möglich ist. Das Wort wird regelrecht nach unten gezogen. Ruhig, schwer, getragen.
Dabei passiert etwas sehr Wichtiges:
Ich reguliere zuerst mich selbst. Meine Stimme wird tiefer, mein Atem ruhiger, mein Körper langsamer. Und genau darüber entsteht beim Hund Orientierung.
„Easy“ ist kein Kommando. Es fordert kein Verhalten ein, bedeutet nicht „setz dich“, „bleib stehen“ oder „hör auf“. Es ist für meinen Hund eine Erinnerung an einen Zustand, den er kennt. An innere Ordnung, an Kontrolle, an dieses Gefühl von „ich muss gerade nichts entscheiden“.
Aufgebaut habe ich dieses Wort ausschließlich in entspannten Momenten. Abends, wenn Dante ruhig liegt. In Situationen, in denen nichts passiert. Über diese Wiederholung hat sich das Wort mit einem bestimmten inneren Zustand verknüpft, nicht mit Handlung.
Wenn ich es in angespannten Übergangsmomenten einsetze, sehe ich oft, wie sich etwas sortiert. Nicht abrupt, nicht wie ein Schalter, sondern langsam und spürbar. Die Körperspannung lässt nach, der Blick wird weicher, die innere Dynamik flacht ab. Das Wort hilft ihm, nicht weiter hochzufahren, sondern wieder bei sich zu bleiben. Und meistens bringt es ihn sogar dazu, sich wieder neben mich entspannt zu setzen, ohne, dass ich es „verlangt“ habe.
Auch das ist nichts, was für jeden Hund gleichermaßen funktioniert. Manche Hunde sprechen sehr gut auf solche stimmlichen Zustandsanker an, andere weniger. Entscheidend ist immer, wie ein solches Wort aufgebaut wurde und in welchem Moment es eingesetzt wird.
Wie ich entscheide, welcher Weg für uns passt
Ich entscheide nicht nach Schema. Ich entscheide nach Beobachtung. Und ich frage mich nach stressigen Situationen zum Beispiel:
– Ist mein Hund körperlich getrieben oder innerlich fest?
>- Braucht er Bewegung oder eher Nähe?
>- Wird er durch Aktivität ruhiger oder unruhiger?
>- Sucht er Kontakt oder eher Abstand?
Manchmal kombiniere ich Wege, mal beginne ich mit Bewegung und wechsle später in Ruhe. Manchmal braucht ein Tag vor allem Distanz und wenig Input.
Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt nur stimmig oder nicht stimmig für den jeweiligen Hund in diesem Moment. Mit der Zeit entsteht daraus eine Intuition, die weniger aus Bauchgefühl besteht als aus genauer Beobachtung.
Was Sie daraus für sich mitnehmen können
Dieser Praxisteil soll Ihnen keine Lösung liefern, die Sie einfach übernehmen. Er soll Ihnen zeigen, wie Praxis aussehen kann, wenn Stress nicht verdrängt oder „beseitigt“ werden soll, sondern als Zustand ernst genommen wird.
Vielleicht erkennen Sie sich in einem Beispiel wieder oder merken Sie, dass ein anderer Weg für Sie besser passt. Eventuell kombinieren Sie Dinge neu. All das ist Lernen.
Praxis entsteht nicht dadurch, dass man etwas perfekt umsetzt. Praxis entsteht dadurch, dass man beobachtet, ausprobiert, verwirft und neu entscheidet.
Und genau dafür soll dieser Praxisteil Raum geben.
Nette Grüße
Birthe Thompson


