In den letzten Tagen ging es um dieses schwer greifbare Gefühl, dass ein Hund „anders“ ist, ohne im klassischen Sinne krank zu wirken. Er macht mit, er ist ansprechbar, und trotzdem scheint vieles mehr Kraft zu kosten als sonst. Manchmal wirkt es, als müsste er innerlich deutlich mehr aufbringen, um im Alltag mitzuschwingen. Als würde er gegen etwas anarbeiten, das wir von außen nicht sehen. Genau an dieser Stelle lohnt sich ein Blick unter die Oberfläche. Nicht, um etwas zu suchen, das man „finden“ muss, sondern um ein System zu verstehen, das oft unterschätzt wird: die Faszien.
Ein Gewebe, das alles miteinander verbindet
Faszien sind kein Beiwerk. Sie sind auch nicht einfach nur „Hülle“. Faszien sind ein durchgehendes, dreidimensionales Netzwerk aus Bindegewebe, das den gesamten Körper Ihres Hundes durchzieht. Sie umhüllen Muskeln, verbinden Körperregionen miteinander, betten Organe ein und begleiten Nervenbahnen. Dadurch halten sie nicht nur alles zusammen, sie machen Bewegung überhaupt erst so möglich, wie wir sie uns wünschen: koordiniert, flüssig, kraftsparend.
Und genau hier liegt ein entscheidender Punkt, der viele Zusammenhänge plötzlich verständlicher macht: Der Körper bewegt sich nicht Muskel für Muskel. Er organisiert Bewegung über Spannungsbahnen, also über Ketten von Zug und Gegenzug, die durch dieses fasziale Netzwerk laufen. Deshalb kann eine Spannung im hinteren Körperbereich Auswirkungen an einer ganz anderen Stelle haben. Nicht, weil etwas „wandert“, sondern weil im Körper alles miteinander verbunden ist. Wenn an einer Stelle dauerhaft Zug entsteht, wird an anderer Stelle gegengehalten. Das ist normale Biologie.
Wenn Faszien unter Dauerlast stehen
Faszien sind außerdem nicht nur stabil, sie sind auch sehr empfindlich. Sie sind reich an Nervenenden. Das bedeutet: Sie registrieren Druck, Zug, Dehnung und Dauerbelastung sehr fein. Und sie reagieren nicht nur auf das, was mechanisch passiert, sondern auch auf innere Zustände. Wenn ein Hund über längere Zeit ausgleichen muss, etwa weil er eine Blockade hat, eine Schonhaltung entwickelt oder weil er insgesamt unter anhaltender Anspannung steht, verändert sich das Gewebe.
Es wird weniger gleitfähig. Es hält Spannung. Es gibt Bewegung nicht mehr so frei wie zuvor. Das ist kein plötzlicher Bruch. Es ist eher eine Entwicklung. Eine Anpassung an Belastung. Und genau deshalb ist das für Halter*innen so schwer zu greifen: Diese Veränderungen tauchen in keinem Röntgenbild auf. Sie stehen in keinem Blutwert. Es gibt oft keinen eindeutigen Moment, in dem ein Hund „zeigt“, dass er Schmerzen hat.
Wenn Bewegung ihre Selbstverständlichkeit verliert
Was stattdessen auffällt, ist etwas, das viele Menschen sehr gut beschreiben können, ohne es medizinisch benennen zu können: Der Bewegungskomfort verändert sich. Ein Hund mit faszialer Spannung wirkt nicht zwingend lahm. Er humpelt vielleicht nicht. Er schreit nicht auf. Und trotzdem bewegt er sich vorsichtiger. Er streckt sich seltener. Er liegt anders. Er vermeidet ausladende Bewegungen oder überschwängliche Begrüßungen. Nicht, weil er keine Lust hat. Nicht, weil er „stur“ ist. Sondern weil große Bewegungen in einem System, das Spannung hält, schneller unangenehm werden können. Der Körper reagiert dann nicht mit Drama, sondern mit Rücknahme. Mit Reduktion. Mit Schonung.
Genau diese Schonung ist der Punkt, an dem viele Halter*innen anfangen, Verhalten zu interpretieren. Denn von außen wirkt das schnell wie Stimmung. Wie Rückzug. Wie „heute ist er komisch“. Manche Hunde wirken empfindlicher bei Hundebegegnungen, andere suchen mehr Abstand, wieder andere wollen weniger angefasst werden oder wirken insgesamt weniger präsent. Das sieht für uns nach Verhalten aus. Und ja, es ist Verhalten. Aber die Frage ist, was dieses Verhalten gerade ausdrückt. Bei faszialer Spannung ist es oft keine Marotte und kein Charakterzug, sondern eine körperliche Strategie.
Schonung ist keine Schwäche, sondern eine körperliche Strategie
Hier kommt das Nervensystem ins Spiel. Faszien stehen in enger Verbindung mit dem vegetativen Nervensystem. Das ist der Teil des Nervensystems, der automatisch mitsteuert, wie gut ein Körper regulieren kann, wie stark Schutzmechanismen anspringen, wie hoch die innere Grundspannung ist. Wenn das fasziale Gewebe dauerhaft Spannung hält, bekommt das Nervensystem die Rückmeldung: Entlastung ist nötig.
Dann reagiert es häufig nicht mit einem lauten Warnsignal, sondern mit einer sehr pragmatischen Antwort. Der Hund dosiert Nähe neu. Er reduziert Aktivität. Er zieht sich zurück oder wird schneller reizbar. Nicht als Entscheidung und nicht als „Eigensinn“, sondern als Schutzreaktion. Biologisch betrachtet ist das sinnvoll: Belastung senken, Reize begrenzen, Stabilität wiederherstellen.
Was sich verändert, wenn wir Faszien mitdenken
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke an dieser Stelle: Faszien machen nicht „krank“. Aber sie können sehr deutlich zeigen, wie viel ein Körper gerade trägt. Wenn wir Faszien mitdenken, verschiebt sich unser Blick. Dann müssen wir nicht sofort nach Erziehungsfehlern suchen. Wir müssen auch nicht reflexartig am Futter drehen, nur weil sich etwas komisch anfühlt.
Wir dürfen erst einmal anerkennen, dass der Körper arbeitet. Und dass Verhalten oft genau dort sichtbar wird, wo dieser Prozess an Grenzen stößt. Das kann enorm entlasten. Nicht, weil plötzlich alles klar ist. Sondern weil sich die Perspektive verändert. Wir müssen nicht sofort reparieren. Wir dürfen einordnen. Und wir dürfen verstehen, dass ein Hund manchmal nicht „schwierig“ ist, sondern schlicht in einem Zustand, in dem sein Körper nach Entlastung sucht.
Nette Grüße
Birthe Thompson


