Viele Menschen nehmen Verhalten wie eine Handlung wahr. Ein Hund bleibt stehen, geht nach vorn, reagiert schneller, als man erwartet hätte, oder scheint plötzlich wie abgeschaltet. Wer Verhalten biologisch verstehen möchte, schaut beim Hund nicht auf Absicht, sondern auf innere Zustände.
Wenn sie den Einstieg verpasst haben: In einem vorherigen Beitrag habe ich skizziert, warum hier in den nächsten Wochen eine zusammenhängende Reihe entsteht und was sie inhaltlich tragen soll.
Verhalten entsteht immer aus einem Zusammenspiel. Reize von außen treffen auf einen Organismus, der sich bereits in einem bestimmten inneren Zustand befindet. Dieser Zustand ist nie neutral. Er ist geprägt von Erregung, Erfahrung, körperlicher Belastung, hormoneller Lage und davon, wie Reize gerade verarbeitet werden können. Das Nervensystem sortiert in sehr kurzer Zeit, was wichtig ist und was ausgeblendet werden muss. Verhalten ist das sichtbare Ergebnis dieses Sortierens.
Verhalten zeigt, was gerade möglich ist – nicht, was ein Hund eigentlich kann.
Wenn Verhalten keine Entscheidung ist
In der Verhaltenslehre wird Verhalten nicht danach beurteilt, ob es erwünscht oder passend ist. Es wird danach betrachtet, ob es funktional ist. Funktional bedeutet nicht sinnvoll im menschlichen Sinne, sondern sinnvoll für den Organismus in diesem Moment. Ein Zurückweichen kann Sicherheit herstellen. Ein Vorpreschen kann Spannung abbauen. Ein Stillwerden kann Überlastung begrenzen. Das Verhalten erfüllt eine Aufgabe, auch wenn diese Aufgabe für uns nicht offensichtlich ist.
Dabei spielt der innere Zustand eine entscheidende Rolle. Lernen, Anpassung und soziale Orientierung setzen voraus, dass das Nervensystem ausreichend reguliert ist. Nur dann können Reize aufgenommen, verarbeitet und miteinander verknüpft werden. Fehlt diese innere Stabilität, greift der Körper auf das zurück, was unmittelbar entlastet. Verhalten entsteht dann nicht aus Überlegung, sondern aus Notwendigkeit.
Ein Hund reagiert nicht aus Absicht, sondern aus Zustand.
Genau hier entstehen viele Missverständnisse. Wenn Verhalten als steuerbar gedacht wird, entsteht schnell die Erwartung, ein Hund könne in jeder Situation anders reagieren, wenn man es nur richtig angeht. Biologisch funktioniert das so nicht. Verhalten ist immer an den aktuellen inneren Zustand gebunden. Es ist nicht unabhängig abrufbar. Ein Hund kann etwas gelernt haben und es dennoch nicht zeigen, weil die inneren Bedingungen gerade fehlen.
Das wirkt für viele Menschen widersprüchlich. Tatsächlich ist es konsequent. Der Körper priorisiert immer Stabilität vor Anpassung. Erst wenn ein gewisses inneres Gleichgewicht vorhanden ist, wird Lernen überhaupt möglich.
Lernen braucht innere Verfügbarkeit, nicht Willen.
Diese Sichtweise verändert den Blick auf Entwicklung. Entwicklung verläuft nicht gradlinig. Sie zeigt sich in Wellen. Phasen von Stabilität wechseln sich mit Phasen erhöhter Reaktivität ab. Rückschritte sind dabei häufig kein Verlust, sondern ein Nachschwingen. Der Körper verarbeitet Erfahrungen nach, ordnet neu, passt sich an. Verhalten macht diesen inneren Prozess sichtbar.
Verhalten biologisch zu verstehen beim Hund bedeutet, Entwicklung nicht zu fordern, sondern sie zu lesen.
Wenn Verhalten so verstanden wird, verliert es seinen moralischen Beigeschmack. Es geht nicht mehr um richtig oder falsch, sondern um möglich oder im Moment nicht möglich. Diese Unterscheidung ist leise, aber sie verändert viel. Sie nimmt Druck aus der Situation. Für den Hund, aber auch für die Menschen, die ihn begleiten.
In den nächsten Tagen werden wir genauer hinschauen, was innere Zustände beeinflusst, wie Stress entsteht und warum Lernen immer an Regulation gebunden ist. Nicht, um Lösungen zu liefern, sondern um Zusammenhänge sichtbar zu machen. Verhalten ist kein Problem, das behoben werden muss. Es ist ein Hinweis darauf, wie es dem Hund gerade geht.
Hinweis: Ich hab da mal ’ne Frage …
Weitere Informationen:
https://wahnsinnshund.de/produkt/ich-hab-da-mal-eine-frage/
Nette Grüße
Birthe Thompson

