Warum der Körper immer mitgedacht werden muss
Es gibt Momente, da wirkt ein Hund nach außen wie ein Rätsel. Er hat Begegnungen früher gut ausgehalten, er war freundlich, ansprechbar, vielleicht sogar erstaunlich gelassen, und plötzlich verändert sich etwas. Nicht dramatisch von einem Tag auf den anderen, sondern schleichend.
Der Spaziergang wird kantiger. Der Hund wirkt schneller gereizt, zieht mehr, fixiert häufiger, kippt leichter in Übererregung. Und irgendwann steht man da, mit einem Hund, der scheinbar „einfach schwierig geworden ist“, und mit dem unguten Gefühl, dass man selbst etwas übersehen hat.
Wenn wir in solchen Situationen über Verhalten sprechen, denken wir fast automatisch an Erziehung, Training, Management und an das Nervensystem. Das ist nachvollziehbar, weil Verhalten sichtbar ist. Es ist das, was uns im Alltag begegnet, was uns herausfordert, was uns manchmal auch beschämt, weil es in der Öffentlichkeit passiert.
Aber genau an dieser Stelle beginnt ein wichtiger Perspektivwechsel.
Denn Verhalten ist nicht nur ein Ausdruck von Emotion, Lernen oder fehlender Impulskontrolle. Verhalten ist sehr häufig auch ein Ausdruck des Körpers. Und manchmal ist es sogar der einzige Weg, den ein Hund noch hat, um überhaupt zu zeigen, dass etwas nicht stimmt.
Schmerz verändert Verhalten. Nicht, weil Hunde „zickig“ werden. Nicht, weil sie plötzlich „dominant“ sind. Sondern weil Schmerz das ganze System beeinflusst. Die Belastbarkeit sinkt, die Reizschwelle wird kleiner, und die Welt fühlt sich für den Hund schneller bedrohlich an.
In diesem Artikel geht es deshalb nicht um die Frage, wie Sie Ihren Hund „in den Griff bekommen“, sondern darum, wie Sie ihn besser verstehen können. Und darum, warum es so entscheidend ist, bei Stress und Begegnungsproblemen den Körper nicht nur mitzudenken, sondern aktiv einzubeziehen.
Wenn Training nicht reicht, weil das Fundament fehlt
Viele Hundehalterinnen und Hundehalter erleben es so: Sie investieren Zeit, sie üben, sie bleiben dran. Sie vergrößern Distanzen, sie vermeiden Eskalationen, sie arbeiten an Alternativen, sie bauen Sicherheit auf. Und trotzdem bleibt der Hund angespannt. Oder er wird sogar schlimmer.
In solchen Situationen passiert häufig etwas sehr Menschliches. Wir suchen nach der Ursache, und wenn wir keine klare Erklärung finden, landet die Schuld schnell bei uns selbst.
Dann entstehen Gedanken wie: Ich mache etwas falsch. Ich bin nicht konsequent genug. Ich bin nicht ruhig genug. Mein Hund vertraut mir nicht.
Die Schuldfrage ist für viele Menschen wie ein zusätzlicher Stein im Rucksack, den sie ohnehin schon tragen. Und sie führt oft dazu, dass man noch mehr Druck macht, noch mehr kontrolliert, noch mehr „funktionieren“ will.
Das Problem daran ist: Wenn der Körper des Hundes bereits unter Spannung steht, wenn Schmerz, Unwohlsein oder körperliche Überforderung im Hintergrund wirken, dann kann Training allein nicht das leisten, was wir uns wünschen.
Dann trainieren wir auf einem Fundament, das wackelt. Und der Hund kann nicht so lernen, wie er es eigentlich könnte.
Das bedeutet nicht, dass Training sinnlos ist. Es bedeutet nur: Es muss auf einem stabilen körperlichen Zustand aufbauen. Sonst wird aus einem Trainingsprozess ein zäher Kampf gegen Symptome.
Schmerz ist nicht immer sichtbar, aber fast immer wirksam
Wenn Menschen an Schmerzen beim Hund denken, haben sie oft ein klares Bild im Kopf: Der Hund humpelt oder jault. Der Hund lässt sich nicht anfassen und/ oder zeigt deutlich: Hier tut es weh.
Doch das ist nur ein Teil der Realität.
Schmerz beim Hund ist oft kaum sichtbar, kaum greifbar, selten erkennbar (Es sei denn, es ist schon wirklich richtig schlimm.) Er ist also oft gut getarnt. Nicht selten sind es Hunde, die besonders „funktionieren“, die besonders tapfer wirken, die besonders viel rennen, die besonders aktiv sind. Und genau das führt zu einem der größten Missverständnisse überhaupt.
„Der kann keine Schmerzen haben, der rennt doch.“
Dabei ist es wichtig zu verstehen: Es gibt Hunde, die über Bewegung einen starken inneren Kick bekommen. Adrenalin wirkt dann wie ein körpereigenes Notfallprogramm. Es kann Schmerz überdecken, zumindest vorübergehend. Das heißt: Ein Hund kann rennen, spielen, sogar wild wirken, und trotzdem körperlich belastet sein.
Manchmal ist dieses Rennen nicht Ausdruck von Freude, sondern Ausdruck von innerem Druck. Von einem Zustand, der nach außen nach Energie aussieht, innen aber eher nach Spannung.
Das ist ein Punkt, der viele Menschen erschüttert, wenn sie ihn zum ersten Mal wirklich begreifen. Weil er bedeutet: Aktivität ist nicht automatisch Wohlbefinden.
Wie Schmerz Stress macht und Stress Schmerz verstärkt
Schmerz und Stress sind keine getrennten Baustellen. Sie greifen ineinander wie Zahnräder. Wenn ein Hund Schmerzen hat, passiert im Körper oft Folgendes:
Was im Körper passiert, wenn Schmerz mitläuft
Der Organismus bleibt in Alarmbereitschaft. Muskeln spannen sich an, um zu schützen oder zu kompensieren. Das Nervensystem bleibt leichter „oben“, weil Entspannung schwieriger wird. Reize werden schneller als unangenehm oder bedrohlich bewertet. Das bedeutet: Der Hund ist schneller überfordert. Nicht, weil er sich „anstellt“, sondern weil sein System weniger Puffer hat.
Warum chronischer Stress Schmerzen verstärken kann
Und umgekehrt gilt auch: Chronischer Stress erhöht die Muskelspannung, verändert die Verdauung, senkt die Regenerationsfähigkeit und kann Schmerzempfinden verstärken. Stress kann Schmerz nicht nur begleiten, sondern ihn regelrecht füttern.
Wenn Sie also einen Hund haben, der über längere Zeit angespannt ist, dann ist es keine Kleinigkeit. Es ist ein Zustand, der den Körper verändert.
Die schleichende Veränderung: Wenn der Hund „einfach anders“ wird
Eines der wichtigsten Warnzeichen für körperliche Ursachen ist nicht das spektakuläre Symptom, sondern die Veränderung.
Ein Hund, der anfangs gut gelaunt war, gern mitlief, gern arbeitete, und dann plötzlich abweisender wurde. Weniger Freude, weniger Lockerheit, mehr „komisch“.
Und der Gedanke ist oft zuerst: Der ist halt irgendwie genervt, nichts, das ich anbiete, scheint ihn irgendwie eine Rolle zu spielen.
Das ist so verständlich. Weil wir Menschen Beziehung immer mitdenken. Weil wir emotionale Erklärungen suchen. Und weil uns oft niemand beigebracht hat, wie subtil körperliche Signale sein können.
Wenn nicht die Beziehung kippt, sondern der Körper
Manchmal liegt die Wahrheit aber nicht in der Beziehung, sondern im Körper.
Ein kleiner Unfall im Freilauf, ein ungünstiger Sprung. Eine Blockade oder Überlastung, die sich langsam einschleicht. Auch ein Schmerz, der über Monate still mitläuft, bis das Nervensystem irgendwann nicht mehr kompensieren kann.
Genau solche Verläufe sind so wichtig zu verstehen, weil sie zeigen, wie leicht es ist, Schmerz zu übersehen. Selbst bei viel Erfahrung und bei gutem Blick. Auch bei besten Absichten.
Und wenn das schon so ist, dann ist es erst recht nachvollziehbar, dass Hundehalterinnen und Hundehalter im Alltag nicht automatisch auf die Idee kommen.
Typische Anzeichen: Was viele übersehen, weil es „normal“ wirkt
Ein großes Problem bei Schmerzzeichen ist, dass sie oft in die Kategorie „der ist halt so“ rutschen. Man gewöhnt sich daran.
Der Hund macht beim Hinlegen Geräusche. Der Hund schleckt sich viel und/ oder kratzt sich ständig. Der Hund wirkt draußen rastlos, zieht, buddelt sich weg bis nach Timbuktu. Er frisst alles, was vor seine Schnauze kommt, rennt wie ein Irrer. Der Hund ist schwer ansprechbar. Und irgendwann wird das nicht mehr als Signal gesehen, sondern als Persönlichkeit.
Wenn Stresssymptome und Schmerzsymptome sich überlappen
Besonders tückisch ist dabei, dass viele dieser Zeichen auch als Stresssymptome bekannt sind. Und genau darin liegt die Brücke: Stresssymptome und Schmerzsymptome können sich überlappen. Oder sie können sich gegenseitig verstärken.
Geräusche beim Hinlegen: Wohlfühllaut oder Schmerzlaut
Viele Menschen interpretieren ein Brummen oder Stöhnen beim Hinlegen als Wohlfühllaut, als gemütliches „Ach ja“. Manchmal ist es das auch.
Aber manchmal ist es ein Schmerzlaut. Ein kleines Zeichen dafür, dass sich Bewegung nicht mehr leicht anfühlt. Das heißt nicht, dass jedes Geräusch krankhaft ist. Aber es bedeutet: Es lohnt sich, hinzuschauen. Nicht mit Panik, sondern mit Aufmerksamkeit.
Wenn ein Hund „immer schon so“ war
Manche Hunde tragen Belastung nicht erst seit gestern. Manche leben von klein auf mit einer körperlichen Spannung, die nie richtig gelöst wurde.
Solche Hunde wirken oft „hyperaktiv“, extrem aufgedreht, ständig in Bewegung. Sie rennen, springen, buddeln, sind schwer runterzufahren, hängen draußen dauerhaft in der Leine, und es scheint, als hätten sie einfach ein sehr hohes Erregungslevel.
Und dann wird dieses Verhalten schnell als Temperament eingeordnet. Als Rassemerkmal. Als Charakter.
Temperament oder innere Unruhe?
Dabei kann es auch ein Ausdruck von körperlicher Unruhe sein. Von innerem Druck, von einem Nervensystem, das nicht mehr sauber in Ruhe kommt, weil der Körper nie ganz loslässt.
Wenn man das erkennt, verändert sich der Blick. Denn dann geht es nicht mehr darum, diesen Hund „müde zu machen“. Dann geht es darum, ihm zu helfen, überhaupt erst entspannen zu können.
Das ist keine Schuld. Das ist eine Erkenntnis. Und Erkenntnisse verändern, wie wir handeln.
Warum Begegnungen so schnell kippen, wenn der Körper belastet ist
Begegnungen sind für viele Hunde eine Hochleistungsaufgabe. Selbst dann, wenn es nach außen nicht so aussieht.
Der Hund muss Reize wahrnehmen und bewerten, Distanz einschätzen, Körpersprache lesen, eigene Emotion regulieren, Handlungsmöglichkeiten finden, und gleichzeitig an der Leine bleiben, also körperlich eingeschränkt sein. Wenn nun zusätzlich Schmerz oder körperliches Unwohlsein im System sind, wird diese Aufgabe schwerer.
Wenn Ausweichen nicht mehr leicht möglich ist
Der Hund kann weniger ausweichen, weil Bewegung weh tut. Er kann weniger flexibel reagieren, weil Muskulatur angespannt ist. Er ist schneller überfordert, weil das Nervensystem ohnehin auf Spannung steht.
Wenn „Aggression“ eigentlich Überforderung ist
Und dann passiert etwas, das viele Menschen als „Aggression“ erleben, obwohl es in Wahrheit oft Überforderung ist. Der Hund geht nach vorn. Nicht, weil er das will. Sondern weil ihm andere Wege nicht zur Verfügung stehen. Und wenn der Körper zusätzlich „mitbrennt“, wird diese Strategie wahrscheinlicher.
Was dieser Perspektivwechsel emotional bedeutet
Es gibt einen Moment, den viele Menschen erleben, wenn sie anfangen, Schmerz als Ursache mitzudenken. Und dieser Moment ist nicht nur fachlich, sondern emotional. Er heißt: Entlastung.
Denn plötzlich ist da nicht mehr nur die Frage: Warum ist mein Hund so schwierig? Sondern: Was könnte ihn belasten?
Und das ist eine völlig andere Haltung. Eine Haltung, die nicht gegen den Hund arbeitet, sondern für ihn.
Wenn Druck aus dem System fällt
Es ist eine Haltung, die Druck aus dem System nimmt, auch aus dem System des Menschen. Und genau dadurch entsteht oft überhaupt erst wieder Raum für Entwicklung.
Was Sie mitnehmen dürfen, ohne in Aktionismus zu kippen
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Muss ich sofort alles abklären lassen? Muss mein Hund zum Osteopathen? Muss ich Angst haben, etwas zu übersehen? Nein. Angst ist kein guter Ratgeber.
Was Sie aber mitnehmen dürfen, ist etwas viel Wertvolleres: einen inneren Prüfpunkt.
Der wichtigste Prüfpunkt für Ihren Alltag
Wenn Verhalten sich verändert, wenn Stress zunimmt, wenn Begegnungen kippen, wenn Ihr Hund plötzlich „weniger kann“ als früher, dann ist es sinnvoll, den Körper mit auf die Liste zu setzen.
Nicht als einzige Erklärung. Aber als mögliche.
Denn manchmal ist der entscheidende Schlüssel nicht ein neues Trainingskonzept, sondern ein gelöster Rücken, ein entlasteter Bewegungsapparat, eine schmerzfreie Hüfte, ein reguliertes System.
Und manchmal ist genau das der Punkt, an dem Training überhaupt erst wirksam werden kann.
Zum Ende dieses Artikels möchte ich gerne nochmal zusammenfassen: Wenn Hunde in Begegnungen ausflippen, wenn sie ziehen, wenn sie fixieren, wenn sie bellen, dann wirkt das für uns oft wie ein Problem, das „weg muss“.
Aber wenn wir tiefer schauen, sehen wir oft etwas anderes. Einen Hund, der mit sich kämpft.
Der Körper ist kein Nebenschauplatz. Er ist die Bühne, auf der Verhalten überhaupt erst entsteht.
Und deshalb ist dieser Artikel vielleicht einer der wichtigsten der ganzen Serie. Nicht, weil er spektakuläre Lösungen liefert, sondern weil er den Blick verändert.
Weg von Schuld, weg von Kontrolle, weg von „der muss das doch können“.
Hin zu Verständnis, zu Ursachen und zu echter Hilfe.
Nette Grüße
Birthe Thompson


