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Warum Hunde nicht absichtlich schwierig sind

  • 2. Januar 2026
  • Birthe Thompson
Halterin versteht das Verhalten des Hundes nicht.

Im letzten Beitrag ging es darum, was Verhalten biologisch leisten muss. Darum, dass Verhalten keine Marotte ist und kein Zeichen von Ungehorsam, sondern immer eine Antwort des Körpers auf das, was gerade los ist. Auf Reize, auf innere Spannung, auf das, was verarbeitet werden kann. Wer erst jetzt in diese Themenreihe einsteigt, kann dort nachlesen, worum es insgesamt geht. „Verhalten verstehen statt korrigieren. Ein Blick auf die kommenden Wochen.“

Heute geht es um einen Gedanken, der vielen Hundehalter*innen vertraut ist, auch wenn er selten laut ausgesprochen wird. Manches Verhalten eines Hundes macht den Alltag einfach anstrengend. Er oder sie zieht an der Leine, bellt scheinbar grundlos oder pausenlos, kommt nicht zur Ruhe, obwohl eigentlich nichts Besonderes passiert. Und irgendwo im Hinterkopf taucht diese leise, aber bohrende Frage auf: Warum tut er/sie das immer wieder? Manchmal fühlt es sich an, als würde ein Hund das extra machen. Als würde er provozieren, testen, Grenzen ausloten. Diese Gedanken entstehen selten aus Ärger. Meist tauchen sie dann auf, wenn man müde ist, verunsichert oder schon vieles versucht hat und trotzdem nicht weiterkommt.

Spaziergang im Herbst. Spannung zwischen Halterin und ihrem Hund.

Warum dieser Gedanke so naheliegt

Wir Menschen versuchen, Verhalten über Gründe zu erklären. Jemand will etwas, jemand verweigert etwas, jemand setzt etwas gezielt ein, weil es sich lohnt. So erklären wir menschliches Verhalten, und automatisch übertragen wir dieses Denken auch auf unsere Hunde. Dabei ist die Sache etwas differenzierter. Hunde können sehr wohl lernen, Verhalten gezielt einzusetzen. Wenn ein Hund erlebt, dass ein bestimmtes Verhalten einen Vorteil bringt, wird er es häufiger zeigen. Setzen, Schauen, Warten oder Nähe suchen können sich lohnen, weil darauf etwas Angenehmes folgt. Futter, Aufmerksamkeit, Bewegung, Abstand oder Sicherheit. Dieser Lernprozess wird als instrumentelle Konditionierung bezeichnet und beschreibt, dass Verhalten durch seine Folgen beeinflusst wird. Viele Hunde sind darin ausgesprochen geschickt, und genau deshalb wirkt es manchmal so, als würden sie sehr bewusst entscheiden, was sie tun und was nicht.

Warum dieses Wissen nicht immer verfügbar ist

Dieses gelernte, bewusst eingesetzte Verhalten steht einem Hund jedoch nicht jederzeit zur Verfügung. Solange ein Hund innerlich stabil ist, sich sicher fühlt und genug Übersicht hat, kann er oder sie auf dieses Wissen zugreifen. Verhalten wirkt dann angepasst, flexibel und überlegt. In belastenden Situationen verändert sich das. Nach einer unruhigen Nacht, nach vielen Eindrücken draußen, nach einer Begegnung, einem Geräusch oder einer Situation, die innerlich viel Kraft kostet. Plötzlich spannt sich die Leine an, der Körper geht deutlich nach vorne, als müsste der Hund schneller durch die Situation hindurch oder Abstand schaffen. Der Blick ist fest nach außen gerichtet, Ansprechbarkeit fühlt sich weit weg an. In solchen Momenten beginnen viele innerlich zu grübeln. Warum gerade jetzt? Warum schon wieder? Was übersehe ich eigentlich? Ich kann das so gut nachempfinden, mitfüheln und verstehe diese Fragen, wenn man schon wieder enttäuscht, kraftlos gegen die Natur des Hundes arbeitet. Ja, auch ich bin ja Hundehalterin …

Was dabei oft nicht gesehen wird, ist, dass der Hund sein gelerntes Verhalten nicht verloren hat. Der Zugang dazu ist gerade blockiert. Nicht, weil er oder sie sich dagegen entscheidet, sondern weil das Nervensystem bereits stark damit beschäftigt ist, die Situation selbst zu bewältigen.

Wenn Ruhe nicht gleich Entspannung ist

Viele Halter*innen erleben diesen Wechsel als besonders verunsichernd. Eben lief es noch ganz okay, nicht perfekt, aber machbar, und plötzlich nicht mehr. Das fühlt sich nicht nach einer bewussten Entscheidung an, sondern eher wie ein Abriss im Kontakt. Genau das passiert auch innerlich. In dem einen Zustand hat das Nervensystem genug Spielraum, Reize können verarbeitet werden, Orientierung am Menschen ist möglich, gelernte Strategien stehen zur Verfügung. In dem anderen Zustand bindet die Situation selbst so viel Aufmerksamkeit, dass für diese feine Abstimmung kaum noch Kapazität bleibt. Dann rücken Sicherheit, Regulation und das Bewältigen des Moments in den Vordergrund, und das Verhalten, das wir sehen, entsteht weniger aus Überlegung und mehr aus unmittelbarer Reaktion.

Hinzu kommt, dass Ruhe nicht automatisch Entspannung bedeutet. Ein Hund kann ruhig wirken und trotzdem unter hoher innerer Spannung stehen. Manche Hunde liegen still auf ihrem Platz, bewegen sich kaum und machen nichts Auffälliges. Nach außen sieht das entspannt aus, innerlich kann es sehr anstrengend sein. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Menschen, der still auf einem Stuhl sitzt, während im Inneren alles arbeitet. Der Körper ist angespannt, der Atem flach, die Aufmerksamkeit stark gebunden. Nach außen passiert wenig, nach innen sehr viel.

Hund am Fenster

Warum Lernen dann kaum möglich ist

Bei Hunden zeigt sich das oft zeitversetzt. Nach dem Besuch, nach dem Spaziergang oder nach einer scheinbar ruhigen Phase. Dann werden sie unruhig, anhänglich, gereizt oder plötzlich sehr aktiv. Nicht, weil etwas Neues passiert ist, sondern weil der Körper jetzt erst beginnt, Spannung abzubauen.

Je mehr Energie ein Hund braucht, um sich innerlich zu halten, desto weniger bleibt für Lernen, Anpassung oder bewusste Steuerung. Ein Hund, dessen Nervensystem gerade damit beschäftigt ist, Sicherheit herzustellen, kann nicht gleichzeitig flexibel reagieren. Er oder sie kann sich schlechter erinnern, weniger fein abstimmen und weniger bewusst auswählen, welches Verhalten gerade sinnvoll wäre. Manche Hunde zeigen das durch Aktion, sie werden schneller, lauter oder impulsiver. Andere durch Rückzug, sie wirken abwesend, reagieren verzögert oder frieren förmlich ein. Beides ist kein Nicht-Wollen. Beides sind Formen von Selbstschutz.

Hunde sind nicht schwierig, um Menschen zu ärgern. Sie werden schwierig, wenn ihr inneres Gleichgewicht ins Wanken gerät. Das zu erkennen, nimmt Druck aus der Situation und oft auch aus einem selbst. Verstehen heißt hier nicht, alles hinzunehmen, sondern Verhalten dort einzuordnen, wo es entsteht. Im Körper, im Nervensystem, im jeweiligen Moment. Darauf bauen die nächsten Beiträge auf.


Hinweis: Ich hab da mal ’ne Frage …

Weitere Informationen:
https://wahnsinnshund.de/produkt/ich-hab-da-mal-eine-frage/

Nette Grüße
Birthe Thompson


Birthe Thompson

Birthe Thompson ist Tierpsychologin, Journalistin, Autorin, Coach und Bloggerin. Jahrelang Mehrhundehalterin, lebt sie heute mit ihrem Mann und derzeit zwei Rüden der Rasse Rhodesian Ridgeback im Norden Deutschlands. Über viele Jahre hat sie sich im aktiven Tierschutz verdient gemacht. Selbst war sie immer wieder Pflegestelle für Tierschutzhunde. Zu ihren Aufgaben gehörte es auch, Hunde einzuschätzen, um Vermittlungsprofile zu erstellen. Birthe Thompson ist Ansprechpartnerin für viele Bereiche zum Thema Hund. Gerade auch, wenn es um Tierschutz geht, brilliert sie durch ihre kompetente Vorgehensweise und ihr Wissen.

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