Nachdem wir uns gestern damit beschäftigt haben, warum Belastung sich beim Hund oft zeitversetzt zeigt, kommen wir heute an einen Punkt, der viele Hundehalter*innen besonders verunsichert. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl. Es gab Momente, da wirkte Ihr Hund gelöster, ansprechbarer, fast schon wieder bei sich. Und dann ist plötzlich eine alte Reaktion wieder da. Ein Meideblick. Ein angespannter Körper in einer Situation, die doch eigentlich schon „geklärt“ schien.
Das kann sich so anfühlen, als hätte all das Dazwischen keine Bedeutung gehabt. Als wäre man wieder am Anfang. Dieser Eindruck ist verständlich. Und doch täuscht er.
Bei Bello ließ sich das in den letzten Tagen gut beobachten. Er wirkte deutlich stabiler, sein Schlaf war tiefer, sein Blick weicher. Und dann blieb er eines nachmittags plötzlich mitten in der Hunderunde stehen, ohne erkennbaren Grund oder Anlass, und wollte nicht weiter. Hasso zeigt sich in solchen Momenten ganz anders. Er wird unruhig, zieht an der Leine, als wolle er diesem inneren Zustand entkommen. Nach außen sieht das sehr verschieden aus. Im Inneren geschieht jedoch etwas Ähnliches.
Der Körper erinnert sich schneller, als der Verstand einordnen kann. Das Nervensystem greift auf vertraute Reaktionsmuster zurück, nicht weil etwas schiefgelaufen ist, sondern weil Sicherheit noch nicht dauerhaft verankert ist. Gerade dann, wenn der äußere Druck langsam nachlässt, beginnt dieses System zu prüfen, ob das Neue wirklich trägt.
Und obwohl es sich vertraut anfühlt, ist es nicht dasselbe wie vorher.
Entwicklung verläuft selten geradlinig. Sie gleicht eher einem langsamen Auspendeln. Phasen von Ruhe wechseln sich mit Momenten ab, in denen alte Reaktionen kurz wieder auftauchen. Das ist kein Rückschritt. Es ist ein Teil der Verarbeitung. Stress löst sich nicht auf Kommando. Der Körper braucht Zeit, um aus einem Alarmzustand wieder in einen ruhigeren Bereich zurückzufinden. Dieser Weg zurück wird Regulation genannt.
In solchen Momenten braucht ein Hund nichts Zusätzliches. Keine Korrektur, keine neue Idee, keinen besonderen Umgang. Bello zum Beispiel brauchte an diesem Nachmittag einfach die Möglichkeit, stehen zu bleiben. Zeit. Raum. Keine Erwartung. Nach einigen Minuten setzte er sich, atmete sichtbar ruhiger und ging dann weiter. Nicht souverän, nicht mutig, aber selbstbestimmt.
Wenn man beginnt, diese Wellen als Teil des Prozesses zu verstehen, verliert das Verhalten ein Stück seiner „Bedrohlichkeit“. Es sagt nicht, dass der Hund „noch nicht so weit ist“. Es zeigt, dass sich etwas bewegt. Dass sein System arbeitet. Dass Entwicklung passiert, auch wenn es zwischendurch wackelt.
Gerade in diesen ersten Tagen des Jahres liegt darin etwas Wesentliches. Nicht im Vorwärtsgehen, sondern im Nachschwingen. Nicht im Funktionieren, sondern im Verarbeiten. Oft entsteht genau dort die Ruhe, die von außen so unscheinbar wirkt.
Hinweis: „Ich hab da mal ’ne Frage …“
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https://wahnsinnshund.de/produkt/ich-hab-da-mal-eine-frage/
Nette Grüße
Birthe Thompson

