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Die kleinen Schritte zählen

  • 12. Januar 2026
  • Birthe Thompson
Entwicklung beim Hund braucht Nähe, Zeit und gemeinsame ruhige Momente.
Foto: Redaktion

Moin, schön, dass Sie wieder da sind. Kommen Sie rein, schnappen Sie sich einen Kaffee und setzen Sie sich zu mir an den „Küchentisch“. Lassen wir die letzten Tage doch einfach mal kurz Revue passieren und feststellen, dass sich Entwicklung beim Hund oft unbemerkbar und langsamer zeigt, als wir es uns wünschen.

Wir sind jetzt am Ende dieser ersten gemeinsamen Woche angekommen, einer Woche, in der es immer wieder um Entwicklung beim Hund, um Verstehen, Stress und innere Zustände ging. Aber wissen Sie was? Das ist kein endgültiger Abschluss eines Themas und es muss auch noch längst nicht alles „verstanden und gelebt“ sein. Es ist vielmehr ein Moment, um kurz innezuhalten und den Blick bewusst auf das zu richten, was sich vielleicht schon verändert hat. In den letzten Tagen haben wir uns Schritt für Schritt mit den Themen Verhalten, Stress, Lernen und den inneren Zuständen unserer Hunde ( und auch unseren!) beschäftigt. Dabei war es nie mein Ziel, Ihnen sofortige Patentrezepte zu liefern, sondern vielmehr ein anderes „Sehen“ möglich zu machen, quasi eine Wahrnehmung, die weniger bewertet und das Erlebte stattdessen besser einordnet.

Verunsichert Sie der geschärfte Blick gerade?

Vielleicht spüren Sie es schon: Ihr Fokus hat sich ein wenig verschoben. Dinge, die vorher wie isolierte Probleme wirkten, rücken nun langsam in einen größeren Zusammenhang. Wenn Ihr Hund heute reagiert, fühlt sich das hoffentlich ein Stück weniger wie ein persönlicher Angriff an. Stattdessen erkennen Sie es als das, was es ist: ein Signal für Überforderung, ausgehend von einem Nervensystem, das gerade extrem viel leisten muss.

Ich weiß, man erwartet oft, dass dieses neue Verständnis sofort für Erleichterung und Ruhe sorgt. Aber oft passiert erst einmal das Gegenteil: Weil Sie nun feiner wahrnehmen, spüren Sie auch früher, wenn eine Situation zu kippen droht. Man merkt schneller, dass weder der Hund noch man selbst gerade wirklich erreichbar ist. Das kann sich so anfühlen, als würde man feststecken oder sogar langsamer vorankommen als zuvor.

Doch bitte glauben Sie mir: Das ist kein Rückschritt. Es ist der Beginn eines echten Perspektivwechsels.

Entwicklung kein linearer Prozess

Gemeinsamer Weg am Strand – Entwicklung beim Hund verläuft nicht geradlinig.
Foto: Redaktion

Wir haben viel über innere Spannungen gesprochen. Was wir dabei oft vergessen: Auch Entwicklung braucht ganz grundlegende Bedingungen. Ein Körper, der ständig unter Druck steht und nur noch reagieren kann, findet kaum Raum, um Neues nachhaltig zu integrieren. Das gilt für unsere Hunde ganz genauso wie für uns Menschen an ihrer Seite.

Deshalb verläuft Entwicklung fast nie geradlinig. Sie zeigt sich in winzigen Verschiebungen oder Momenten, die erst im Rückblick eine Bedeutung bekommen. Vielleicht ist die Situation draußen immer noch anstrengend, aber Ihr Umgang damit hat sich verändert. Sie sind nicht mehr so streng mit sich selbst, ordnen schneller ein, statt sofort zu bewerten, und halten es eher aus, dass etwas gerade nicht sofort lösbar ist. Für eine Beziehung und ein belastetes Nervensystem ist genau das ein riesiger Schritt.

Gemeinsamer Weg am Strand – Entwicklung beim Hund braucht Zeit und Raum.
Foto: Redaktion

Geduld ist kein Willensakt

Oft sagen wir uns in solchen Phasen: „Ich muss einfach geduldiger sein“. Aber Geduld ist keine Eigenschaft, die man per Willenskraft oder Disziplin erzwingen kann. Sie entsteht dort, wo Sicherheit wächst und der innere Druck nachlässt. Wenn das System wieder mehr Luft bekommt, wird es von selbst ruhiger, weil wieder Spielraum vorhanden ist.

Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke dieser Woche: Dass Sie anfangen, anders hinzuschauen und weniger zu kämpfen. Wahre Entwicklung beginnt dort, wo wir anerkennen, dass Körper, Lernen und Beziehungen Zeit brauchen. Auch wenn das Ergebnis noch nicht sofort messbar ist, so ist es doch bereits spürbar und das gibt Ihnen hoffentlich ein Stück Ihrer inneren Sicherheit zurück.

Sollten Sie einzelne Gedanken noch einmal in Ruhe nachlesen wollen, finden Sie hier die Beiträge dieser Woche in der Übersicht:

  • Montag: Warum Verhalten immer Kommunikation ist
  • Dienstag: Warum Hunde nicht absichtlich schwierig sind
  • Mittwoch: Stress vs. Erziehung – ein häufiger Denkfehler
  • Donnerstag: Körpersignale erkennen, bevor es eskaliert
  • Freitag: Warum schnelle Lösungen selten nachhaltig sind
  • Samstag: Lernen beim Hund – wann es möglich ist und wann nicht

Oft wirken diese Texte beim zweiten Lesen ganz anders, weil sie nun auf ein Fundament treffen, das in den letzten Tagen langsam gewachsen ist.

Ausblick auf die kommende Woche

Bevor wir auseinandergehen, möchte ich Ihnen noch einen kleinen Ausblick auf die nächste Woche geben. Nicht als To-do-Liste, sondern eher als Einladung.

In den letzten Tagen ging es viel um Wahrnehmung, um Beziehung und um Entwicklung, die Zeit braucht. In der kommenden Woche richten wir den Blick nun stärker auf den Körper. Nicht, um Verhalten zu „medizinisch“ zu erklären oder alles auf Diagnosen zu reduzieren, sondern um etwas Wesentliches sichtbar zu machen: Dass Verhalten sehr oft dort beginnt, wo ein Körper versucht, mit Belastung umzugehen.

Wir werden uns anschauen, warum es so wichtig ist, zwischen Symptom und Ursache zu unterscheiden und weshalb das bloße Abstellen eines Verhaltens das eigentliche Problem häufig nur verschiebt. Wir sprechen darüber, warum körperliche Reaktionen wie Durchfall keine lästigen Nebensächlichkeiten sind, sondern ernstzunehmende Warnsignale. Und wir verbinden das, was wir außen sehen, mit dem, was innen passiert: Schmerzen, Unwohlsein, innere Spannungen und ihre Auswirkungen auf die Reizschwelle unserer Hunde.

Ganz praktisch wird es ebenfalls. Wir werden der Frage nachgehen, wann Verhalten körperlich abgeklärt werden sollte und woran Sie erkennen können, dass Training allein gerade nicht ausreicht. Auch das Thema Futter schauen wir uns kritisch an – jenseits von Werbeversprechen und wohlklingenden Etiketten.

Zum Ende der Woche wird es wieder etwas grundsätzlicher. Es geht um Individualität, darum, warum zwei Hunde auf dieselbe Situation völlig unterschiedlich reagieren können, und welche Rolle Genetik und innere Voraussetzungen dabei spielen. Und am Sonntag schließen wir den Kreis mit einem Gedanken, der mir sehr am Herzen liegt: Dass Therapie kein Rezept ist, sondern ein Prozess. Einer, der Zeit braucht und der nicht vom Reparieren lebt, sondern vom Verstehen.

Wenn Sie mögen, gehen wir diesen Weg gemeinsam weiter.
Ruhig. Schritt für Schritt.
Denn auch hier gilt: Die kleinen Schritte zählen.

Nette Grüße

Birthe Thompson

Birthe Thompson

Birthe Thompson ist Tierpsychologin, Journalistin, Autorin, Coach und Bloggerin. Jahrelang Mehrhundehalterin, lebt sie heute mit ihrem Mann und derzeit zwei Rüden der Rasse Rhodesian Ridgeback im Norden Deutschlands. Über viele Jahre hat sie sich im aktiven Tierschutz verdient gemacht. Selbst war sie immer wieder Pflegestelle für Tierschutzhunde. Zu ihren Aufgaben gehörte es auch, Hunde einzuschätzen, um Vermittlungsprofile zu erstellen. Birthe Thompson ist Ansprechpartnerin für viele Bereiche zum Thema Hund. Gerade auch, wenn es um Tierschutz geht, brilliert sie durch ihre kompetente Vorgehensweise und ihr Wissen.

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