Warum Bitterstoffe beim Hund mehr sind als nur „bitter“
Im letzten Artikel haben wir betrachtet, wie sensibel das Mikrobiom, also die Gesamtheit aller Darmbakterien, auf Fütterung und Umwelt reagiert. Bitterstoffe knüpfen genau hier an.
Bitterstoffe beim Hund richtig einsetzen bedeutet, Verdauung, Leberfunktion und Schleimhautregulation gezielt zu unterstützen, ohne den Organismus zu überfordern.
Bitter schmecken Hunde deutlich wahrnehmbar. Dieser Geschmack ist kein Zufall. Er löst im Körper eine Kaskade an Regulationsprozessen aus.
Bitterstoffe regen:
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die Speichelproduktion
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die Bildung von Magensäure
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die Ausschüttung von Verdauungsenzymen
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den Gallenfluss
an.
Verdauungsenzyme sind Eiweiße, die Nährstoffe chemisch zerlegen. Galle ist eine Flüssigkeit aus der Leber, die Fette emulgiert, also fein verteilt, damit sie aufgenommen werden können.
Bitter wirkt also nicht nur im Darm. Bitter wirkt systemisch.
Was Bitterstoffe im Körper des Hundes tatsächlich bewirken
Bitterstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe beim Hund
Bitterstoffe gehören zu den sogenannten sekundären Pflanzenstoffen.
Sekundär bedeutet hier nicht „unwichtig“. Es bedeutet nur, dass sie nicht zu den Grundnährstoffen wie Eiweiß, Fett oder Kohlenhydraten gehören.
Sekundäre Pflanzenstoffe:
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wirken antioxidativ, das heißt sie schützen Zellen vor oxidativem Stress
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wirken entzündungsmodulierend, das heißt sie regulieren überschießende Entzündungsprozesse
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unterstützen die Entgiftungsleistung der Leber
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beeinflussen das Darmmilieu
Bitterpflanzen unterscheiden sich deutlich in ihrer Wirkung.
Manche wirken vor allem auf die Leber. Andere beeinflussen stärker die Gallenproduktion. Wieder andere haben einen Bezug zur Bauchspeicheldrüse oder wirken zusätzlich krampflösend oder beruhigend.
In der Phytotherapie spricht man hier von Tropismus. Damit ist gemeint, dass eine Pflanze eine bevorzugte Wirkung auf ein bestimmtes Organ oder Gewebe entfaltet.
Mariendistel zeigt einen ausgeprägten Tropismus zur Leber. Löwenzahn regt vor allem die Gallenproduktion an. Große Klette wirkt breiter regulierend und unterstützt mehrere Stoffwechselbereiche.
Bitter ist also nicht gleich Bitter.
Bitterstoffe beim Hund richtig einsetzen bei Verdauungsproblemen
Wann Bitterstoffe sinnvoll sind
Bitterstoffe können hilfreich sein bei:
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träger Verdauung
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Appetitlosigkeit
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Blähungen
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leichter Dysbiose, also gestörter Darmflora
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chronischer, nicht akuter Verdauungsschwäche
Sie sind besonders sinnvoll, wenn:
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die Magensäureproduktion zu gering ist
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Fette schlecht verdaut werden
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der Hund zu Sodbrennen neigt
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die Gallenproduktion unterstützt werden soll
Hier wirken Bitterstoffe regulierend und anregend.
Wichtig ist: Sie ersetzen keine Diagnostik.
Wann Bitterstoffe nicht eingesetzt werden dürfen
Bitterstoffe sind in bestimmten Situationen kontraindiziert.
Nicht einsetzen bei:
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akuter Gastritis, also akuter Magenschleimhautentzündung
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akuter Pankreatitis, also akuter Bauchspeicheldrüsenentzündung
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schweren Lebererkrankungen ohne fachliche Begleitung
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unklaren, schmerzhaften Bauchzuständen
Bitterstoffe regen die Sekretion an. Bei akuten Entzündungen kann genau das die Schleimhaut zusätzlich reizen. Hier gehört die Therapie in tierärztliche oder phytotherapeutisch geschulte Hände.
Bitterstoffe im Alltag: Füttern oder behandeln?
Kleine Mengen frischer Kräuter
Ein wichtiger Aspekt ist die Unterscheidung zwischen therapeutischer Dosierung und ernährungsphysiologischer Ergänzung.
Ein Teelöffel frisch gehackter Löwenzahn enthält überwiegend Wasser. Getrocknet wäre das nur eine Prise.
In kleinen Mengen können:
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Löwenzahn
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Brennnessel
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Vogelmiere
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Klette
regelmäßig ergänzend gefüttert werden.
Hier geht es nicht um Behandlung. Es geht um Vielfalt und sekundäre Pflanzenstoffe.
Stark aromatische Bitterpflanzen
Pflanzen mit hohem Gehalt an ätherischen Ölen wie:
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Wermut
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Rosmarin
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Thymian
sollten nicht täglich in größeren Mengen gegeben werden.
Ätherische Öle sind stark wirksame Pflanzenbestandteile. Sie können in zu hoher Dosis Schleimhäute reizen. Hier gilt besonders: weniger ist mehr.
Dosierung von Bitterstoffen beim Hund
Ein häufiger Fehler ist zu viel auf einmal, darum:
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Produkte einzeln einführen
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mit niedriger Dosis beginnen
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langsam steigern
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Reaktionen beobachten
Gerade empfindliche Hunde reagieren sensibel. Bitterstoffe wirken über Geschmacksrezeptoren im Mund und über Rezeptoren im Darm. Die Reaktion kann individuell sehr unterschiedlich sein.
Bitterstoffe und Marketing
Nicht jedes Futter mit Kräuterzusatz wirkt automatisch gesundheitsfördernd.
Da ich oft genau danach gefragt werde, möchte ich mich kritisch dazu äußern:
Viele Fertigfutter haben sehr geringe Mengen, sodass sie keinen therapeutischen Effekt haben.
Das ist nicht zwingend schädlich. Es ist jedoch oft eher Marketing als wirksame Phytotherapie.
Was Sie aus diesem Artikel mitnehmen können
Bitterstoffe beim Hund richtig einsetzen bedeutet:
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Bitterpflanzen unterscheiden sich stark in ihrer Wirkung.
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Sie können Verdauung und Leberfunktion sinnvoll unterstützen.
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Bei akuten Entzündungen sind sie kontraindiziert.
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Kleine Mengen frischer Wildkräuter sind meist unproblematisch.
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Stark aromatische Pflanzen gehören in erfahrene Hände.
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Dosierung entscheidet über Nutzen oder Reizung.
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Bitter ersetzt keine Diagnostik.
Bitter ist kein Allheilmittel.
Bitter ist ein Regulationsimpuls.
Wenn Sie Bitterstoffe bewusst, maßvoll und informiert einsetzen, können sie ein wertvoller Bestandteil einer ganzheitlichen Ernährung sein.

