Warum Sicherheit und Abstand oft wirksamer sind als jedes Signal
Vom Erkennen zum Verstehen im Alltag
Im vorherigen Teil dieser Serie ging es um die leisen Signale. Um jene frühen Veränderungen im Verhalten, die lange auftreten, bevor es in Begegnungen sichtbar eskaliert. Viele Hunde zeigen diese Zeichen regelmäßig. Sie sind nicht laut, nicht spektakulär, aber sie sind da.
Wer beginnt, diese frühen Stressanzeichen zu erkennen, erlebt häufig eine Verschiebung im Blick. Begegnungen wirken nicht mehr plötzlich oder unberechenbar. Sie bekommen eine Vorgeschichte. Gleichzeitig entsteht an dieser Stelle oft eine neue Frage.
Was hilft meinem Hund jetzt konkret, wenn ich sehe, dass Stress entsteht, aber noch nichts eskaliert ist?
Dieses Praxismodul schließt genau an diesen Punkt an. Es geht nicht um Training und nicht um Übungen, sondern um die Bedingungen, unter denen Eskalationen überhaupt entstehen oder vermieden werden können.
Stress entsteht nicht durch einzelne Reize
Begegnungen eskalieren selten wegen eines einzelnen Auslösers. Meist ist es nicht der eine Hund, der eine Mensch oder die eine Situation. Entscheidend ist, was im Körper des Hundes bereits vorher passiert. Stress baut sich auf, Schritt für Schritt. Der Muskeltonus steigt, die Atmung verändert sich, die Aufmerksamkeit verengt sich. Der Hund ist innerlich bereits beschäftigt, lange bevor er etwas zeigt.
In diesem Zustand stellt das Nervensystem keine bewussten Fragen. Es prüft nicht, was richtig oder falsch wäre. Es prüft nur, ob die Situation handhabbar ist.
– Kann ich ausweichen?
– Habe ich Abstand?
– Gibt es eine Möglichkeit, diese Begegnung zu regulieren?
Wenn diese Möglichkeiten fehlen, steigt die innere Spannung weiter, auch dann, wenn äußerlich noch Ruhe herrscht.
Distanz ist eine biologische Strategie
Distanz wird im Alltag oft als Vermeidung verstanden. Als etwas, das man möglichst schnell überwinden sollte. Aus Sicht des Hundes ist Distanz jedoch eine der wichtigsten Möglichkeiten zur Selbstregulation.
Hunde sind darauf ausgelegt, Spannungen über Abstand abzubauen. Über Bögen, langsameres Gehen, seitliches Ausweichen, kurze Unterbrechungen. All das gehört zu ihrem natürlichen Verhaltensrepertoire.
An der Leine sind diese Möglichkeiten stark eingeschränkt. Nicht, weil Hunde sie nicht mehr kennen, sondern weil sie sie nicht mehr umsetzen können.
Distanz zu schaffen bedeutet deshalb nicht, einer Situation aus dem Weg zu gehen. Es bedeutet, sie so zu gestalten, dass das Nervensystem regulierbar bleibt.
Für manche Hunde reichen wenige Meter. Andere brauchen deutlich mehr Raum. Entscheidend ist nicht der Abstand an sich, sondern der Punkt, an dem der Hund innerlich wieder Spielraum bekommt.
Warum ich seit Jahrzehnten bewusst ausweiche
Ich selbst bin seit Jahrzente das, was man landläufig einen „Vermeider“ nennen würde. Und ja, ich setze dieses Wort ganz bewusst in Anführungszeichen.
Ich agiere grundsätzlich risikominimierend. Ich schaffe Distanz. Ich weiche aus, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Nicht aus Angst, nicht aus Unsicherheit, sondern aus Erfahrung.
Wenn ich unterwegs bin und mir Menschen mit ihren Hunden entgegenkommen, die ich nicht kenne, sorge ich zuerst für Raum. Immer. Ich versuche, Begegnungen so zu gestalten, dass sie gar nicht erst kritisch werden müssen. Deeskalierend, vorausschauend, ruhig.
Oft reicht dafür ein Blick. Nicht auf den Hund, sondern auf den Menschen.
Einschätzung beginnt beim Menschen
– Wenn ich sehe, dass jemand mit dem Handy in der Hand läuft, weiß ich, dass die Aufmerksamkeit nicht beim Hund liegt. Der Hund ist in diesem Moment sich selbst überlassen. Ich kann nicht davon ausgehen, dass Signale gesehen oder Situationen rechtzeitig reguliert werden.
– Wenn mir unsichere Menschen begegnen, werde ich besonders aufmerksam. Unsicherheit überträgt sich nicht magisch, aber sie wirkt sich auf Entscheidungen aus. Und Entscheidungen sind in Begegnungen entscheidend.
– Hier bei uns am Kanal begegnen mir viele Hundehalterinnen und Hundehalter, die selbst versuchen, anderen aus dem Weg zu gehen. Die hoffen, niemandem zu begegnen. Auch das nehme ich wahr und berücksichtige es.
– Ich sehe ältere Menschen, die mit Krückstock gehen oder sich kaum sicher fortbewegen können und gleichzeitig einen großen Hund führen, den sie in einer Stresssituation faktisch nicht mehr halten könnten. Auch hier schaffe ich Raum. Nicht, weil ich diesen Menschen etwas unterstelle, sondern weil ich Verantwortung für meine Seite der Begegnung trage.
– Ich gehe ebenso bewusst Menschen mit Kindern aus dem Weg, vor allem, wenn mehrere Kinder und ein Hund gemeinsam unterwegs sind. Nicht, weil Kinder grundsätzlich problematisch wären, sondern weil Dynamiken schwer vorhersehbar sind. Ein Kind stolpert, Kinder finden Hunde toll und kommen einfach auf uns zu, ein Hund erschrickt, jemand ruft laut, Situationen kippen schnell.
– Auch Frauengruppen mit mehreren Hunden meide ich in der Regel. Nicht pauschal, sondern aufgrund wiederkehrender Erfahrungen. Häufig entsteht dort Hektik, Aufregung, lautes Rufen, hektisches Zurückholen. Die Hunde hören nicht, die Stimmung wird nervös, niemand fühlt sich sicher.
All das tue ich nicht, um Begegnungen zu vermeiden, sondern um sie gar nicht erst eskalieren zu lassen.
Distanz ist für mich kein Rückzug. Distanz ist aktives Gestalten. Sie schafft Zeit, Klarheit und Sicherheit. Für meinen Hund, für mich und für die anderen Teams.
Sicherheit kommt vor Kontrolle
In vielen Begegnungssituationen entsteht schnell der Wunsch nach Kontrolle. Der Hund soll ruhig bleiben, Signale annehmen, sich regulieren.
Dabei wird häufig übersehen, dass Kontrolle erst dann möglich ist, wenn Sicherheit vorhanden ist. Ein Hund, der sich innerlich bedroht oder überfordert fühlt, befindet sich nicht im Bereich bewusster Steuerung. Sein Nervensystem arbeitet dann im Schutzmodus.
Sicherheit entsteht nicht durch Erwartungen, sondern durch Erfahrung. Durch erlebte Situationen, die überschaubar bleiben. In denen Nähe dosiert wird. In denen der Hund nicht gezwungen ist, Stress bis zur Eskalation auszuhalten.
Erst auf dieser Grundlage kann sich Verhalten verändern.
Warum Management entlastet statt festzuhalten
Management wird oft als Übergangslösung betrachtet. Als etwas, das man möglichst schnell hinter sich lassen möchte. Tatsächlich ist Management eine zentrale Voraussetzung für Veränderung.
Jede Eskalation trainiert das Nervensystem. Sie bestätigt dem Hund, dass seine bisherigen Strategien notwendig waren. Laut werden, nach vorne gehen oder fixieren sind aus seiner Sicht funktionierende Lösungen.
Management unterbricht diese Lernerfahrung. Nicht, indem es Situationen vollständig vermeidet, sondern indem es sie so gestaltet, dass Eskalationen seltener werden.
Begegnungen, die ruhig verlaufen, hinterlassen andere Spuren im Nervensystem als solche, die eskalieren. Auch dann, wenn sie unscheinbar wirken. Genau hier beginnt langfristige Veränderung.
Schutzräume als Orientierungshilfe
Viele Hunde profitieren davon, wenn Begegnungen nicht als offene, unstrukturierte Situationen erlebt werden, sondern als klar begrenzte Räume.
Ein Schutzraum ist dabei kein festgelegter Ort. Er beschreibt ein inneres Erleben. Der Hund merkt, dass er nicht selbst regeln muss. Dass Nähe und Distanz verlässlich gestaltet werden.
Für manche Hunde bedeutet das, sich nah am Menschen zu orientieren. Für andere bedeutet es, dass nach vorne ausreichend Raum bleibt. In beiden Fällen sinkt die innere Alarmbereitschaft.
Der Hund muss nicht mehr permanent prüfen, was gleich passiert. Das Nervensystem kann einen Gang zurückschalten.
Eskalationen sind kein Bindungsthema
Wenn es trotz allem zu Ausbrüchen kommt, werden diese oft persönlich genommen. Als Zeichen fehlender Bindung oder mangelnden Vertrauens.
Stressreaktionen sagen darüber nichts aus. Sie entstehen nicht gegen den Menschen, sondern aus innerer Überforderung heraus. Ein Hund im Stress entscheidet nicht, er reagiert.
Diese Einordnung nimmt Druck aus der Situation. Sie verschiebt den Fokus weg von Schuld und hin zu den Bedingungen, unter denen der Hund handeln muss.
Stabilität ist die Grundlage für Entwicklung
Veränderung beginnt nicht beim Verhalten, sondern beim inneren Zustand. Ein Hund, der sich sicher fühlt, braucht weniger Strategien zur Stressbewältigung.
Er muss nicht laut werden, um Distanz zu schaffen. Er muss nicht fixieren, um sich vorzubereiten. Nicht, weil er es gelernt hat, sondern weil es nicht mehr nötig ist.
Dieses Praxismodul soll deshalb vor allem eines vermitteln: Stabilität ist kein Ziel, sondern eine Voraussetzung.
Dort, wo Sicherheit entsteht, kann sich Verhalten verändern, oft leiser und nachhaltiger, als es jedes Training leisten könnte.
Ausblick
Im nächsten Teil der Serie richtet sich der Blick noch stärker nach innen. Es geht um das Nervensystem selbst. Um Stress, Erregung und Lernfähigkeit. Und darum, warum gut gemeinte Ratschläge wie „Bleiben Sie entspannt“ oft genau dann scheitern, wenn sie am dringendsten gebraucht werden.


