Gilt das für Rüden und Hündinnen und was passiert wirklich im Körper?
Die Kastration gehört zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen in der Tiermedizin. Für viele Hundehalter*innen stehen dabei vor allem Fortpflanzungskontrolle, Verhaltensfragen oder die Vorbeugung bestimmter Erkrankungen im Vordergrund. Weniger bekannt ist, dass die Kastration einen tiefgreifenden Eingriff in den Hormonhaushalt darstellt und damit langfristige Auswirkungen auf Stoffwechsel, Körperzusammensetzung und Bewegungsapparat haben kann.
Heute geht es um eine Frage, die häufig gestellt, aber selten differenziert beantwortet wird:
Kommt es nach der Kastration zu Muskelschwund und gilt das für Rüden und Hündinnen gleichermaßen?
Ich möchte versuchen, Ihnen Schritt für Schritt zu erklären, welche hormonellen Veränderungen nach der Kastration auftreten, wie diese sich auf Fett- und Muskelgewebe auswirken können und warum der Begriff „Muskelschwund“ wissenschaftlich präzise eingeordnet werden muss.
Was bedeutet Kastration aus physiologischer Sicht?
Bei der Kastration werden die hormonproduzierenden Geschlechtsorgane entfernt:
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beim Rüden die Hoden
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bei der Hündin die Eierstöcke, oft zusammen mit der Gebärmutter
Diese Organe sind nicht nur für die Fortpflanzung zuständig, sondern produzieren Sexualhormone, die im gesamten Körper wirken. Hormone sind Botenstoffe. Sie steuern Stoffwechselprozesse, beeinflussen den Energieverbrauch, die Fettverteilung, die Muskelspannung und die Stabilität des Bewegungsapparates.
Mit der Kastration entfällt diese hormonelle Steuerung weitgehend. Der Körper muss sich an einen neuen hormonellen Zustand anpassen. Diese Anpassung erfolgt nicht sofort, sondern über Wochen und Monate.
Die Rolle der Sexualhormone
Rüde und Hündin im Vergleich
Beim Rüden: Testosteron
Beim Rüden ist Testosteron das wichtigste Sexualhormon. Es wirkt stark anabol (Anabol bedeutet „aufbauend“. Anabole Prozesse sind Stoffwechselvorgänge, bei denen der Körper Gewebe wie Muskeln aufbaut oder erhält, anstatt es abzubauen.) und beeinflusst unter anderem:
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die Muskelproteinsynthese, also den Aufbau von Muskelgewebe
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den Erhalt der Muskelmasse
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den Knochenstoffwechsel
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den Grundumsatz und damit den Energieverbrauch
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das Verhältnis von Muskel- zu Fettmasse
Nach der Kastration sinkt der Testosteronspiegel sehr schnell und deutlich ab. Damit entfällt ein wichtiger hormoneller Reiz, der den Muskelerhalt unterstützt.
Bei der Hündin: Östrogene, Progesteron und Androgene
Bei der Hündin ist die hormonelle Situation komplexer. Die Eierstöcke produzieren vor allem:
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Östrogene
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Progesteron
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kleine, aber physiologisch relevante Mengen an Androgenen (männlich wirkende Hormone, darunter auch Testosteron)
Diese Hormone haben ebenfalls weitreichende Wirkungen:
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sie beeinflussen den Fettstoffwechsel und die Fettverteilung
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sie wirken auf Knochen, Bänder und Gelenke
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sie beeinflussen Muskelspannung, Koordination und neuromuskuläre Stabilität
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sie spielen eine Rolle für Insulinsensitivität und Energieverbrauch
Nach der Kastration fehlen diese Hormone nahezu vollständig. Auch hier kommt es zu einer systemischen Umstellung des Stoffwechsels, allerdings über andere hormonelle Achsen als beim Rüden.
Zeitlicher Verlauf der körperlichen Veränderungen
Ein zentraler Punkt ist der zeitliche Verlauf. Körperliche Veränderungen treten nicht unmittelbar nach der Kastration auf.
Kurzfristig (Stunden bis Tage):
Der Hormonspiegel fällt ab. Äußerlich sind in dieser Phase meist keine Veränderungen erkennbar.
Mittelfristig (Wochen):
Der Stoffwechsel passt sich an. Der Energiebedarf sinkt, die hormonelle Signalwirkung auf Muskel- und Fettgewebe verändert sich.
Langfristig (Monate):
Erst jetzt können Veränderungen der Körperzusammensetzung sichtbar werden, insbesondere eine Zunahme von Fettgewebe oder Veränderungen der Muskelspannung und Belastbarkeit.
Bedeutet Kastration automatisch Muskelschwund?
Nein.
Ein direkter, isolierter Muskelschwund allein durch die Kastration ist weder beim Rüden noch bei der Hündin wissenschaftlich eindeutig belegt.
Was Studien jedoch konsistent zeigen, ist etwas anderes: Nach der Kastration kommt es bei vielen Hunden zu einer Zunahme des Körperfettanteils, häufig bei nur gering veränderter oder sogar stabiler Körpermasse. Diese veränderte Körperzusammensetzung kann den Eindruck erwecken, dass Muskulatur verloren gegangen ist.
Indirekter Muskelschwund – der entscheidende Mechanismus
Sowohl bei Rüden als auch bei Hündinnen entsteht Muskelabbau in der Praxis meist indirekt.
Der typische Ablauf sieht so aus:
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Nach der Kastration sinkt der Energiebedarf
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Appetit und Futteraufnahme können steigen
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Grundumsatz und spontane Aktivität nehmen häufig ab
Das begünstigt eine Fettzunahme. Fettgewebe belastet den Bewegungsapparat, insbesondere Gelenke und Bänder.
Übergewicht erhöht das Risiko für orthopädische Erkrankungen wie:
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Arthrose
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Kreuzbandriss
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Hüft- und Ellenbogengelenksprobleme
Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen zu Schonhaltungen und weniger Aktivität. Wird Muskulatur dauerhaft weniger genutzt, kommt es zur Atrophie, also zum Rückgang der Muskelmasse. Dieser Muskelschwund ist sekundär bedingt und nicht die direkte Folge des Hormonentzugs.
Besonderheiten bei der Hündin: Muskelqualität statt Muskelmasse
Bei Hündinnen wird häufig ein Phänomen beobachtet, das besonders wichtig für das Verständnis ist: Nicht immer nimmt die Muskelmasse messbar ab, wohl aber die Muskelqualität.
Das kann sich zeigen durch:
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geringere Muskelspannung
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verminderte Stabilität der Hinterhand
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schlechtere Koordination
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schnellere Ermüdung
Man spricht hier von einem funktionellen Muskelabbau. Die Muskulatur ist vorhanden, kann ihre Aufgabe aber weniger effizient erfüllen. Diese Veränderungen werden von Hundehalter*innen oft als „Muskelschwund“ wahrgenommen, auch wenn bildgebende Verfahren keinen deutlichen Volumenverlust zeigen.
Das sogenannte „Spayneuter-Syndrom“
In der Fachliteratur wird ein Bündel kastrationsassoziierter Veränderungen teilweise als „Spayneuter-Syndrom“ bezeichnet. Gemeint ist kein klar umrissenes Krankheitsbild, sondern ein erhöhtes Risiko für:
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Adipositas
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muskuloskelettale Probleme
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Stoffwechselveränderungen
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veränderte Belastbarkeit
Dieses Risikoprofil gilt für beide Geschlechter. Die Ausprägung ist individuell sehr unterschiedlich und hängt stark von Rasse, Alter bei der Kastration, Bewegung und Ernährung ab.
Was bedeutet das für den Alltag kastrierter Hunde?
Nach der Kastration verändert sich die hormonelle Ausgangslage, nicht jedoch das Anpassungspotenzial des Körpers. Muskelaufbau und Muskelerhalt sind weiterhin möglich, erfordern aber mehr bewusste Steuerung.
Entscheidend sind drei Stellschrauben:
1. Gewichtskontrolle
Eine frühzeitige Anpassung der Futtermenge ist essenziell, um Fettzunahme zu vermeiden.
2. Ernährung
Hochwertige Proteine liefern die Baustoffe für den Muskelerhalt. Gleichzeitig muss die Energiedichte an den gesunkenen Bedarf angepasst werden.
3. Bewegung
Regelmäßige, gelenkschonende, aber fordernde Bewegung ersetzt einen Teil des fehlenden hormonellen Reizes. Besonders wichtig ist die Förderung der Hinterhand- und Rumpfmuskulatur.
Was heißt das nun zusammenfassend?
Die Kastration beeinflusst bei Rüden und Hündinnen den Hormonhaushalt und damit den Stoffwechsel des gesamten Körpers. Ein direkter, primärer Muskelschwund ist wissenschaftlich bislang nicht eindeutig belegt.
Was gut belegt ist, ist eine erhöhte Neigung zur Fettzunahme und zu orthopädischen Folgeproblemen. Diese können sekundär zu funktionellem oder strukturellem Muskelabbau führen.
Mit angepasster Ernährung, bewusster Gewichtskontrolle und gezielter Bewegung können kastrierte Hunde, unabhängig vom Geschlecht, ihre Muskulatur, Stabilität und Lebensqualität langfristig erhalten.



