Mentale Belastung und Suizidrisiko in der Tiermedizin
In der aktuellen Diskussion über Tiermedizin, wirtschaftlichen Druck und Verantwortung wird ein Aspekt häufig ausgeklammert: die Menschen, die tagtäglich in diesem System arbeiten. Tierärztinnen und Tierärzte tragen eine enorme Verantwortung, fachlich, emotional und ethisch. Gleichzeitig stehen sie unter einem Druck, der in der öffentlichen Wahrnehmung oft unterschätzt wird. Dieser Druck bleibt nicht folgenlos.
In den letzten Tagen habe ich über das Buch „Wie Tierärzte die Tier verraten“ geschrieben und meine Einstellung hierzu erklärt. Heute möchte ich noch einen Schritt weitergehen, denn ich glaube, dass wir manchmal unfair sind oder zumindest nicht objektiv urteilen. Das ist meistens auch wenig machbar, wenn wir einen kranken Hund (oder ein anderes Tier) haben, der nicht optimal versorgt wird. Dennoch möchte ich den blick auf dieses Thema lenken und uns die Möglichkeit geben, über diesen Artikel nachzudenken.
Ein Beruf mit hoher emotionaler Last
Tierärztliche Arbeit bedeutet weit mehr als Diagnostik und Therapie. Sie umfasst:
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den täglichen Umgang mit Leid, Krankheit und Tod
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schwierige Gespräche mit verzweifelten oder überforderten Tierhalter*innen
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Entscheidungen unter Zeit- und Kostendruck
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Verantwortung für fühlende Lebewesen
Hinzu kommt, dass viele Tierärzt*innen ihren Beruf aus einem starken inneren Anspruch heraus gewählt haben. Sie wollen helfen, heilen, lindern. Wenn äußere Rahmenbedingungen diesem Anspruch dauerhaft entgegenstehen, entsteht ein tiefes Spannungsfeld.
Struktureller Druck statt individuelles Versagen
Aus meiner therapeutischen Arbeit weiß ich, wie häufig Tierärzt*innen an ihre Grenzen kommen. Nicht aus mangelnder Kompetenz oder fehlendem Mitgefühl, sondern weil das System kaum Raum lässt.
Hohe Patientenzahlen, wirtschaftliche Vorgaben, Personalmangel und rechtliche Zwänge führen dazu, dass Entscheidungen oft schneller getroffen werden müssen, als es fachlich oder ethisch wünschenswert wäre. Viele Tierärzt*innen erleben diesen Widerspruch täglich.
Der Druck kommt selten von innen. Er kommt von oben.
Mentale Gesundheit in der Tiermedizin ist eine belegte Problematik
Internationale Forschung zeigt seit Jahren, dass Tierärztinnen und Tierärzte ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Belastungen tragen. Depressionen, Burnout und Suizidgedanken treten in dieser Berufsgruppe häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung.
Auch wenn es in Deutschland keine vollständige amtliche Suizidstatistik nach Berufsgruppen gibt, zeichnen wissenschaftliche Befragungen ein klares Bild: Die mentale Belastung in der Tiermedizin ist hoch und sie wird häufig tabuisiert.
Überforderung wird selten offen angesprochen. Schwäche gilt noch immer als Makel.
Was die Studienlage konkret zeigt
Deutschland: Befragungsstudien mit deutlichen Ergebnissen
Eine große Befragungsstudie unter 3.118 Tierärzt*innen in Deutschland zeigt alarmierende Zahlen:
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19,2 % berichteten über aktuelle Suizidgedanken (vs. 5,7 % in der Allgemeinbevölkerung)
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32,11 % wurden als Personen mit erhöhtem Suizidrisiko eingestuft (vs. 6,62 %)
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27,78 % zeigten Hinweise auf Depressionen (vs. 3,99 %)
Diese Ergebnisse basieren auf standardisierten psychologischen Screeninginstrumenten und werden unter anderem im Deutschen Tierärzteblatt aufgegriffen.
Wenn der Druck zu groß wird.
Zusätzlich untersucht eine aktuelle PLOS-ONE-Studie, welche arbeitsbezogenen Faktoren mit Depression, Suizidgedanken und Suizidrisiko bei deutschen Tierärzt*innen zusammenhängen. Besonders relevant sind hier Überengagement und ein Missverhältnis zwischen Einsatz und Anerkennung.
Wenn der Druck in der Tiermedizin zu groß wird
USA: Erhöhte Suizidsterblichkeit in Sterbedatenanalysen
Für die Frage nach tatsächlicher Suizidsterblichkeit sind Sterbedatenanalysen besonders relevant. Eine der wichtigsten Arbeiten hierzu ist die US-Studie
„Suicide among veterinarians in the United States from 1979 through 2015“, veröffentlicht im Journal of the American Veterinary Medical Association (JAVMA).
In dieser Analyse wurden Todesdatensätze von 11.620 Tierärzt*innen ausgewertet. Das Ergebnis: Die sogenannte Proportional Mortality Ratio (PMR) für Suizid war bei Tierärzt*innen höher als in der Allgemeinbevölkerung, und zwar bei Frauen wie bei Männern.
(Eine Erklärung der Kennzahl PMR findet sich weiter unten.)
Warum das auch unsere Tiere betrifft
Mentale Überlastung bleibt nicht beim Menschen stehen. Sie wirkt systemisch.
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Dauerstress reduziert die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen
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Zeitmangel begünstigt symptomorientierte Entscheidungen
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Erschöpfung erschwert Empathie und Kommunikation
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Burnout erhöht Fehleranfälligkeit und senkt langfristig die Berufsbindung
Das bedeutet nicht, dass Tierärzt*innen ihre Verantwortung verlieren. Es bedeutet, dass ein überlastetes System selbst die bestgemeinten Ansätze begrenzt.
Wer Tierwohl ernst nimmt, muss auch die Arbeitsbedingungen derjenigen ernst nehmen, die dieses Tierwohl tragen.
Verständnis statt Schuldzuweisung
Dieser Artikel ist keine Anklage. Es geht nicht darum, Schuldige zu benennen. Es geht darum, hinzuschauen.
Tierärzt*innen sind keine austauschbaren Funktionsträger. Sie sind Menschen mit Grenzen, Verantwortungsgefühl und einer hohen emotionalen Last. Ein System, das diese Menschen dauerhaft überfordert, kann weder Tieren noch Tierhalterinnen gerecht werden.
Was Tierhalter*innen konkret beitragen können
Auch Tierhalter*innen haben Einfluss und zwar nicht durch Anpassung an Missstände, sondern durch Haltung und Vorbereitung.
Dazu gehören unter anderem:
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realistische Erwartungen
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respektvolle Kommunikation
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Verständnis für Zeitdruck
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strukturierte Vorbereitung auf Tierarzttermine
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Bereitschaft, Verantwortung mitzutragen
Ein Gespräch auf Augenhöhe entlastet beide Seiten.
Praxisbeispiel: Strukturierte Vorbereitung als Entlastung im Alltag
Ein wesentlicher Stressfaktor im tierärztlichen Alltag ist fehlende Übersicht. Wenn Befunde, Voruntersuchungen oder Therapieschritte nicht klar vorliegen, kostet das Zeit und erhöht den Druck.
Ab 2026 arbeite ich deshalb in meiner therapeutischen Praxis mit einem strukturierten digitalen Dokumentationssystem auf Basis einer eigenen GPT, die individuell für jeden Hund aufgebaut wird. Alle relevanten Informationen, tierärztliche Befunde, Laborwerte, therapeutische Maßnahmen und zeitliche Abläufe werden zentral gebündelt und nachvollziehbar eingeordnet.
In der Praxis bedeutet das:
Halter*innen können vor, während oder nach einem Tierarzttermin gezielt nachsehen, wann was gemacht wurde, welche Ergebnisse vorliegen und warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden. Gerade in Notfällen oder stressbelasteten Situationen hilft diese Struktur, handlungsfähig zu bleiben, auch dann, wenn das eigene Denken unter Druck eingeschränkt ist.
Solche Formen der Vorbereitung ersetzen keine Diagnostik, sie erleichtern aber Kommunikation und Zusammenarbeit und entlasten damit alle Beteiligten.
Infobox: Was bedeutet PMR?
PMR steht für Proportional Mortality Ratio.
Sie beschreibt, wie häufig ein bestimmter Todesgrund (z. B. Suizid) anteilig innerhalb einer Berufsgruppe im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung vorkommt.
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PMR = 1: gleich häufig
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PMR > 1: häufiger
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PMR < 1: seltener
Wichtig: PMR ist keine Suizidrate, sondern ein epidemiologischer Vergleichswert. Er wird genutzt, wenn vollständige Beschäftigtenzahlen über lange Zeiträume fehlen, liefert aber wichtige Hinweise auf erhöhte Risiken.
Schlussgedanke
Wenn wir über Tierwohl sprechen, sprechen wir auch über die Menschen, die dafür Verantwortung tragen. Mentale Gesundheit ist kein Randthema. Sie ist ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Tiermedizin.
Quellen & Studien
Die Aussagen in diesem Artikel stützen sich auf folgende wissenschaftliche Studien und Fachveröffentlichungen:
Deutsches Tierärzteblatt (BTK), Ausgabe 07/2020 (Im Archiv zu finden, ohne Direktlink. Der läuft leider ins Leere)
Bericht zu Depression, Suizidgedanken und Suizidgefährdung bei Tierärzt*innen in Deutschland
https://www.bundestieraerztekammer.de/btk/dtbl/archiv/2020/07_2020
PLOS ONE (Open Access)
High overcommitment and low reward as potential predictors for depression, suicidal ideation, and suicide risk among German veterinarians
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0310819
Journal of the American Veterinary Medical Association (JAVMA)
Suicide among veterinarians in the United States from 1979 through 2015
https://avmajournals.avma.org/view/journals/javma/254/1/javma.254.1.104.xml
CDC / NIOSH – Volltext (PDF)
Sterbedatenanalyse zur Suizidmortalität bei Tierärzt*innen in den USA
https://stacks.cdc.gov/view/cdc/216793
Springer Open Access
Burnout among veterinarians: age-related differences
https://link.springer.com/article/10.1007/s40664-024-00530-7
BMC Psychiatry (Open Access)
Euthanasia of animals and association with suicidal thoughts among veterinarians
https://bmcpsychiatry.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12888-023-05402-7
Hinweis: Für Deutschland liegen keine vollständigen amtlichen Suizidstatistiken nach Berufsgruppen vor. Aussagen zur Suizidgefährdung basieren daher überwiegend auf Befragungsstudien und epidemiologischen Auswertungen.

