Die Diskussion rund um das Buch Wie Tierärzte die Tiere verraten hat bei vielen Hundehalter*innen starke Gefühle ausgelöst. Wut, Verunsicherung, Ohnmacht, manchmal auch Angst. Diese Reaktionen kann ich gut nachvollziehen. Ich begegne ihnen täglich in meiner Arbeit.
Menschen kintaktieren mich, nachdem sie bereits eine lange tierärztliche Odyssee hinter sich haben. Ihre Hunde sind chronisch krank, immer wieder symptomatisch behandelt worden, ohne dass sich langfristig etwas verbessert hat. Gleichzeitig fühlen sich die Halter*innen oft nicht ausreichend gehört oder verstanden. Genau in diesem Spannungsfeld entfaltet die aktuelle Debatte ihre Wirkung.
Mir ist wichtig, diese Emotionen ernst zu nehmen und sie gleichzeitig einzuordnen.
Viele gute Tierärzt*innen und ein überfordertes System
Aus meiner therapeutischen Arbeit mit sehr vielen Hunden kann ich sagen:
In den allermeisten Fällen liegt das Problem nicht bei den einzelnen Tierärztinnen oder Tierärzten.
Ich erlebe viele engagierte, fachlich kompetente und empathische Tierärzt*innen, die ihren Beruf aus Überzeugung ausüben. Gleichzeitig sehe ich den enormen Druck, unter dem sie arbeiten. Hohe Patientenzahlen, Zeitmangel, wirtschaftliche Vorgaben und rechtliche Rahmenbedingungen lassen im Praxisalltag kaum Raum für ausführliche Gespräche, differenzierte Diagnostik oder langfristige Begleitung.
Die Probleme entstehen selten im Behandlungszimmer. Sie entstehen im System.
Warum so oft nur Symptome behandelt werden
Viele Hunde, die bei mir in Therapie sind/ waren, wurden zuvor mehrfach behandelt, häufig nach einem ähnlichen Muster. Antibiotika, Cortison oder Atopika gehören dabei zu den häufigsten Maßnahmen. Alles hat seine Berechtigung, insbesondere in akuten Situationen.
Problematisch wird es dann, wenn diese Behandlungen zur Dauerlösung werden. Nicht, weil Tierärzt*innen kein Interesse an Ursachen hätten, sondern weil die Zeit fehlt, komplexe Zusammenhänge wirklich zu erfassen. Chronische Entzündungen, Darmdysbalancen, Fütterungsprobleme, hormonelle Veränderungen oder Stressbelastungen lassen sich nicht in wenigen Minuten einordnen.
Ursachenarbeit braucht Zeit. Und genau diese Zeit ist im heutigen Praxisalltag oft nicht vorhanden.
Mein Credo: das Warum hinter dem Warum
Mein therapeutischer Ansatz lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ich suche das Warum hinter dem Warum.
Das ist auch der Grund, weshalb ich meine Therapieplätze bewusst begrenze. Ich arbeite nicht im Minutentakt und vergebe keine Termine im Akkord. Zu mir kommen überwiegend sehr kranke Hunde mit komplexen, oft langjährigen Problematiken. Diese Fälle lassen sich nicht „abarbeiten“. Im Gegensatz zu den Tierärzt*innen habe ich also einen luxuriösen Arbeitsalltag.
Ich nehme mir die Zeit, Zusammenhänge zu verstehen. Ich schaue nicht nur auf das Symptom, sondern auf den Weg dorthin. Ernährung, Darmgesundheit, Immunsystem, hormonelle Regulation, Stressfaktoren und Vorerkrankungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Ziel ist es, die eigentliche Ursache zu erkennen und nicht nur das sichtbare Problem zu behandeln.
Zusammenarbeit statt Gegeneinander
Besonders wichtig ist mir dabei der Austausch mit offenen Tierärztinnen und Tierärzten. Ich schätze es sehr, wenn Tierärzt*innen bereit sind, über den Tellerrand zu schauen und in einen fachlichen Dialog zu gehen.
Ich lege meine Arbeit offen, teile Beobachtungen und Anhaltspunkte und sage auch ganz bewusst: Schauen Sie bitte einmal in diese Richtung, hier könnte ein weiterer Ansatz liegen.
Diese Form der Zusammenarbeit erlebe ich als äußerst wertvoll. Nicht im Sinne eines Konkurrenzverhältnisses, das geht auch gar nicht. Es heißt nämlich immer: Erst zur Tierarztpraxis, dann zur Tierheilpraxis als Unterstützung, also als Ergänzung. Dort, wo Tiermedizin an strukturelle Grenzen stößt, kann ergänzende Ursachenarbeit hilfreich sein und selbstverständlich umgekehrt.
Vorbereitung, Aufklärung und Nachbereitung
Ein weiterer zentraler Teil meiner Arbeit ist etwas, wofür im tierärztlichen Alltag oft keine Zeit bleibt: die Begleitung der Hundehalter*innen.
Ich bereite meine Kund*innen gezielt auf Tierarzttermine vor. Ich vermittle Hintergrundwissen, erkläre Befunde und Zusammenhänge und helfe dabei, die richtigen Fragen zu stellen. Ziel ist ein Gespräch auf Augenhöhe, nicht Konfrontation.
Ebenso wichtig ist mir die Nachbereitung. Viele Halter*innen verlassen eine Sprechstunde mit mehr Fragen als Antworten. Ich leite sie an, Tierarztbesuche zu dokumentieren, Befunde festzuhalten und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. In der gemeinsamen Auswertung erkläre ich, was gesagt wurde, warum bestimmte Maßnahmen empfohlen wurden und wie diese einzuordnen sind.
Auch hier geht es nicht um Kritik an der Tiermedizin, sondern um Verständnis. Und Verständnis braucht Zeit.
Kritisch denken und handlungsfähig bleiben
Kritische Fragen zu stellen ist wichtig. Zweitmeinungen einzuholen ist sinnvoll. Sich mit Strukturen, wirtschaftlichen Interessen und Systemkritik auseinanderzusetzen ist berechtigt.
Was jedoch nicht hilft, ist Angst. Pauschales Misstrauen kann dazu führen, dass notwendige medizinische Maßnahmen hinausgezögert oder vermieden werden. Das schadet am Ende dem Tier.
Mein Anliegen ist es deshalb, Orientierung zu geben. Wissen zu vermitteln. Sicherheit zu schaffen. Und Hundehalter*innen handlungsfähig zu machen, auch in einem komplexen System.
Meine Haltung
- Ich sehe die Missstände.
- Ich kenne den Druck.
- Ich erlebe die Folgen täglich in meiner Arbeit.
Gerade deshalb halte ich Differenzierung für so wichtig.
Nicht gegen Tierärzt*innen.
Nicht für ein System.
Sondern für den Hund und für die Menschen, die Verantwortung für ihn tragen.
Wenn der Druck zu groß wird – ein Blick hinter die Kulissen der Tiermedizin
In der aktuellen Debatte um Tiermedizin, Profit und Verantwortung bleibt ein Aspekt oft unbeachtet: der enorme psychische Druck, unter dem viele Tierärztinnen und Tierärzte arbeiten. Lange Arbeitszeiten, hohe Verantwortung, emotionale Belastung und wirtschaftliche Zwänge hinterlassen Spuren, nicht nur im System, sondern bei den Menschen, die darin arbeiten.
Im nächsten Artikel geht es deshalb um ein Thema, über das noch immer zu wenig offen gesprochen wird: Überlastung, mentale Gesundheit und das nachweislich erhöhte Suizidrisiko in der Tiermedizin. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um Verständnis, Einordnung und darum, warum dieser Druck am Ende auch Auswirkungen auf unsere Tiere hat.

