Wie Tierärzte die Tiere verraten – ein aufrüttelndes Buch mit blinden Flecken
Das Buch Wie Tierärzte die Tiere verraten hat in kurzer Zeit starke Reaktionen ausgelöst. Es polarisiert, verunsichert, bestätigt und provoziert zugleich. Dass die Kritik von einer Insiderin stammt – der Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies –, verleiht dem Werk besondere Sprengkraft und macht es zu einem der emotionalsten veterinärnahen Bücher der letzten Jahre.
Inhalt und Grundton
Die Autorin beschreibt strukturelle Missstände innerhalb der Tiermedizin und des Tierschutzsystems. Dabei geht sie weit über die Kleintierpraxis hinaus und beleuchtet auch den Nutztierbereich, systemisches Wegsehen bei Qualzuchten sowie Versäumnisse in Schlachthöfen. Thematisiert werden unter anderem:
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wirtschaftliche Verflechtungen sowie der Einfluss der Pharma- und Futtermittelindustrie
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Interessenkonflikte zwischen Tierwohl und Profit
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Versäumnisse von Behörden und Funktionären, die teilweise durch interne Dokumente und E-Mails belegt werden
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der enorme Druck, unter dem Tierärzt*innen im Alltag arbeiten
Das Buch ist stark narrativ aufgebaut und stützt sich auf persönliche Erfahrungen sowie beobachtete Vorgänge. Der Ton ist deutlich anklagend und bewusst konfrontativ. Ziel ist weniger eine sachlich-analytische Auseinandersetzung als vielmehr ein Aufrütteln.
Stärken des Buches
Eine der größten Stärken liegt darin, dass Tönnies Themen anspricht, die oft nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden. Wirtschaftlicher Druck und politische Einflussnahme sind reale Probleme innerhalb der Fachwelt. Das Buch gibt vielen Tierhalter*innen eine Sprache für ihr Gefühl von Ohnmacht und für den Eindruck, dass Entscheidungen nicht immer ausschließlich am Tierwohl orientiert sind. Besonders für Leser*innen aus dem Tierschutz-Umfeld wirkt das Werk durch die klare Benennung von Missständen bestätigend.
Kritische Punkte und Grenzen
So berechtigt viele der angesprochenen Themen sind, so problematisch ist stellenweise die Art der Darstellung. Das Buch neigt zur Pauschalisierung, indem strukturelle Probleme häufig auf „die Tierärzte“ projiziert werden. Dadurch kann ein Bild allgemeiner Profitgier entstehen, das der Realität vieler engagierter Praktiker*innen nicht gerecht wird. Zudem fehlt eine systematische Ursachenanalyse zu Faktoren wie Haftungsrecht, Personalmangel oder Ausbildung. Das Buch zeigt deutlich, wo es brennt, bietet jedoch kaum konstruktive Lösungsansätze.
Öffentliche Einordnung und Wirkung
In öffentlichen Stellungnahmen, unter anderem im SAT.1 Frühstücksfernsehen (15.01.2026), differenzierte die Autorin ihre Kritik nachträglich und betonte, dass sie sich gegen Führungsebenen und wirtschaftliche Mechanismen richte, nicht gegen den Berufsstand an sich. Dennoch kann das Buch bei sensiblen Leser*innen ein generalisiertes Misstrauen fördern. Kritisches Denken ist wichtig, eine pauschale Ablehnung kann jedoch dem Tier schaden, wenn notwendige medizinische Versorgung aus Angst verzögert wird.
Fazit
Wie Tierärzte die Tiere verraten ist kein neutrales Fachbuch, sondern ein emotionales, systemkritisches Werk. Als Stimmungsbild gesellschaftlicher Frustration und als Insider-Bericht über Lobbyismus und Behördenversagen ist es hochrelevant. Lesenswert ist es für Menschen, die die emotionale Debatte um unser Tiersystem verstehen möchten, jedoch eher als lauter Diskussionsbeitrag denn als abschließende, objektive Wahrheit.
Ich kann wirklich jedem Menschen empfehlen, dieses Buch zu lesen. Ja, wer stark emotional eingebunden ist, wenn es um Tierleid geht, wird hier sehr gefordert. Und ich stimme einigen Autor*innen von Rezensionen dieses Buches zu: Es sollten viele Rücktritte eingereicht werden. Viele Funktionäre entlassen. Die Führungsriege größtenteils ausgetauscht: Denn hier liegt der faule Apfel.
Teaser für den morgigen Artikel
Wie ich die aktuelle Kritik an der Tiermedizin einordne
Die Diskussion rund um Wie Tierärzte die Tiere verraten zeigt vor allem eines: Viele Tierhalter*innen sind verunsichert, wütend oder ratlos. Zwischen berechtigter Systemkritik und pauschalem Misstrauen entsteht ein Spannungsfeld, das am Ende häufig auf dem Rücken der Tiere ausgetragen wird.
Im nächsten Artikel geht es daher nicht um eine weitere Anklage, sondern um meine persönliche und fachliche Haltung.
