Heute, am Samstag, dem vorletzten Tag dieser Miniserie, möchte ich tiefer gehen. Nicht tief erklärend, sondern anhand dessen, wie Entwicklung sich wirklich zeigt. Denn das, was viele erleben, passt oft nicht zu den Bildern, die wir von Fortschritt im Kopf haben. Und genau daran entstehen Zweifel. Auch bei Menschen mit Erfahrung. Dieser Artikel knüpft an die Gedanken aus dem gestrigen Beitrag vom 9. Januar 2026 an, in dem es um das Dazwischen und die Müdigkeit des Verstehens ging.
Viele Menschen merken irgendwann, dass Entwicklung beim Hund nicht linear verläuft, sondern in Phasen, Schleifen und Übergängen.
Ich habe in meinen schon einigen Lebensjahren mit sehr vielen Hunden gelebt. Mit unseren geliebten eigenen Hunden und unheimlich vielen Pflegehunden. Und trotzdem hat sich Entwicklung nie klar oder übersichtlich angefühlt. Nie eindeutig. Nie gleich. Und ganz sicher nie linear.
Ich möchte Ihnen heute zwei Verläufe erzählen. Nicht, weil sie besonders sind. Sondern weil sie genau das nicht sind.
Was ich lange nicht sehen wollte (Dante)

Dante ist mit einem Rüden, Elimoo, der als Abgabehund auch gerade erst zu uns kam, groß geworden. Dazu kamen drei Hündinnen einer ganz tollen Hundehalterin, mit denen er viel Zeit verbracht hat. Als Welpe war er immer dabei. Er ist mitgegangen, hat von außen zugeschaut, wenn die anderen Hunde ihre Jagdspiele hatten. Ich habe das lange für etwas sehr Positives gehalten. Ich dachte: Der macht das toll. Der schaut sich das an. Der ist so ein lieber kleiner Scheißer.
Heute weiß ich, dass das nur ein Teil der Wahrheit war.
Er hat nicht nur gesehen, dass Hunde jagen.
Er hat gelernt, wie Hunde jagen.
Der Moment, in dem mir das klar wurde, kam nicht leise. Dante und Elimoo waren plötzlich weg. Und ich meine weg, abgehauen! Die beiden waren jagen. Richtig jagen. Und in diesem Moment ist mir sehr hart bewusst geworden, dass ich ihre Stabilität und mich selbst überschätzt hatte. Dass ich Verhalten falsch eingeordnet hatte. Dass ich Dinge gesehen habe, aber nicht richtig verstanden.
Das hat mich geplättet. Nicht fachlich auch menschlich.
Im Rückblick habe ich gesehen, wo meine Wahrnehmung nicht gestimmt hat.
Beide Hunde waren nicht so verlässlich, wie ich dachte. Und das einzugestehen war schwer. Es gab diesen Punkt, an dem ich nachts auf dem Tatsachenheft schlief und wusste: So geht es nicht weiter.
Ab da wurde es sehr klar. Dante ging in ein konsequentes Programm. Nicht aus Aktionismus, sondern aus Verantwortung. Und gleichzeitig war ich zu diesem Zeitpunkt einfach nur müde. Körperlich, emotional und leicht frustriert. (Weil ich stocksauer auf mich selbst war!)
Mein Mann ist mit Elimoo gelaufen. Ich mit Dante allein. Jeden Tag. Sehr strukturiert. Sehr strikt. Ich sag nur: Bootcamp! Ich habe mir selbst gesagt: Dieser Hund geht mir erst einmal nicht mehr frei. Und wenn er bis zu seinem Lebensende an der Leine läuft, dann ist das so. Solange dieser unkontrollierte und/ oder unkotrollierbare Jagdimpuls da ist, funktioniert Freiheit nicht.
Ich habe sehr an mir gezweifelt. Bin ich zu hart? Ist mein Training angemessen und angepasst? Bin ich zu streng? Liebt mein Dantemann mich trotzdem? Wird er bald verweigern? Ich war oft groggy. Wirklich fertig.
Und lange Zeit hat sich erst einmal nichts verändert. Zumindest nichts, was man hätte feiern können. Was wir gemacht haben, war unspektakulär. Viel gemeinsames Gehen. Viel Wahrnehmen. Atemübungen. Ruhe. Präsenz. „Zusammen gucken!“
Irgendwann habe ich gemerkt: Da baut sich etwas auf. Langsam, fast unbemerkbar. Es wurde besser, Schritt für Schritt. Wildsichtung blieb lange schwierig. Und ehrlich gesagt war das frustrierend. Es gab Tage, da hing er wieder in der Leine, und ich kam nach Hause und war enttäuscht. Es ging vor und zurück.
Und trotzdem war etwas anders. Er war mehr bei mir und ich war ruhiger. Es schien, seine Liebe zu mir wächst stetig.
Ich wurde sicherer in dem, was ich tue. Sicher nicht perfekt. Aber klarer. Wir haben viel nonverbal gearbeitet. Über Blickkontakt. Über Atmung. Und irgendwann war spürbar: Wir gehen diesen Weg zusammen.
Heute ist Dante ein richtig guter Junge. Super toll ausgebildet, sehr gut führig, in den meisten Fällen ansprechbar. Ein Streberhund!
Nicht, weil alles immer leicht ist, sondern weil wir durch diesen Prozess gegangen sind.

Ein Gefühl, das ich lange nicht greifen konnte
Rabea kam als Zuchtrückläufer zu uns, etwa fünf Monate alt. Von Anfang an hatte ich ein ungutes Gefühl in Bezug auf Kinder. Aber ich hätte es damals nicht klar benennen können. Es war nichts Offensichtliches. Im Alltag lief es eigentlich gut. Und genau das ist manchmal das Problem. Es gab da diese Situation, als ich mit ihr unterwegs war und eine Frau mit ihrem Kind an der Hand an uns vorbei ging. Das Kind hatte ein Brötchen in der Hand … dann nicht mehr. Das Kind weinte.
Mit der Zeit wurde deutlicher, dass Kinder für sie ein Thema waren. Sie verhielt sich ihnen nicht neutral gegenüber oder unsicher, abwartend, nein, nichts von dem. Kinder waren ein Auslöser. Sie reagierte stark auf sie, aber leider nicht freundlich. Und mit zunehmendem Alter wurde sie kritischer.
Ich musste managen. Immer brauchte ich für sie einen Rückzugsort. Anstatt nach vorn zu gehen, lernte sie sich zurückzuziehen.

Ich erinnere mich an eine Situation mit einer Mitarbeiterin sehr genau. Ich hatte ihr klar gesagt, dass Rabea mit Kindern nicht gut kann und dass ich Sorge habe, dass irgendwann etwas passiert. Deshalb durfte ihr Sohn auf dem Grundstück nicht einfach unbekümmert spielen, während seine Mutter ihre Termine wahrnahm und Rabea nicht gesichert war. Entweder war die Hündin in ihrem Zimmer oder der Junge durfte nicht im Garten spielen. Das war für mich keine Übervorsicht. Das war Verantwortung.
Und dann kam dieser eine Moment, in dem niemand richtig aufgepasst hat.
Alle Hunde waren draußen. Die Mitarbeiterin war mit ihrem Sohn da. Eigentlich war er bei ihr. Aber irgendetwas fehlte. Der Junge wollte es aus dem Auto holen und lief plötzlich quer durch den Garten. Rabea stand auf und bewegte sich in Richtung des Jungen. fing schon an, zu rennen …
Ich weiß noch, wie schnell ich reagiert habe . Ich habe die Hündin gesichert, bevor etwas passieren konnte. Aber dieser Moment hat mir sehr deutlich gezeigt, wie ernst das Thema war.
Ich bin mit Rabea ins Training gegangen. Aber ehrlich gesagt fühlte sich das lange nicht wirklich hilfreich an. Wie will man mit Kindern arbeiten, wenn keine Kinder da sind? Es blieb theoretisch. Und das reale Leben wartete nicht.
Der Wendepunkt kam, als meine Schwägerin mit ihrer kleinen Tochter zu Besuch kam. Und ich weiß noch, wie ich dachte: Wie soll das gehen? Ich hatte Angst. Keine abstrakte Angst. Eine körperliche.
Wir haben einen sehr klaren Rahmen geschaffen.
Rabea war immer an der Leine. Die Kleine durfte sie füttern, aber nur unter meiner Aufsicht. Im Haus musste sie zunächst einen Bogen um Rabea machen, weil die Hündin deutlich angespannt und knurrend reagierte. Und dieses kleine Mädchen hat das mitgemacht. Ruhig. Selbstverständlich. Für mich immer noch unfassbar. Was für ein Kind!
Sie blieben lange bei uns. Und wir haben jeden Tag geübt. Gemeinsam draußen. Die Kleine lief neben mir, Rabea an meiner Seite. Sie durfte Leckerchen verteilen. Und ganz wichtig: Nur sie hat Rabea gefüttert. Immer.
Es war kein schneller Prozess. Es war anstrengend. Eben auch mental anstrengend. Alles musste genau geplant und vorhersehbar sein. Und es war emotional extrem fordernd.
Dann kam dieser Moment, der mir wirklich das Herz in die Hose rutschen ließ. Rabea war nicht unten in den Räumen. Ich suchte sie und rief nach ihr. Das Kind schlief oben. Mir wurde schlagartig schlecht. Ich bin losgerannt, die Treppen hoch mit nur einem Gedanken: Bitte nicht.
Rabea lag bei dem Mädchen im Bett.
Sie hob nicht mal den Kopf, als ich ins Zimmer trat und das kleine Mädchen lächelte mich strahlend an. Seit dem Morgen wich die Hündin dem Mädchen nicht mehr von der Seite.

Von da an war etwas anders. Die beiden machten alles zusammen. Sie kuschelten. Sie spielten. Es war keine erzwungene Nähe. Es war etwas, das sich entwickelt hatte. Etwas ECHTES!
Ich glaube heute, dass Rabea als Zuchtrückläufer sehr früh Stress mit Kindern erlebt hat. Vielleicht kam sie in eine Familie, in der es zu viel war. Vielleicht wurde sie schlecht behandelt. Man weiß es nicht. Und oft sagt einem auch niemand die Wahrheit.
Was ich aber weiß:
- Diese Arbeit war kein Training.
- Es war Beziehung.
- Es war Schutz.
- Es war Geduld.
Und es war das genaue Hinschauen auf das eigentliche Problem
Was all diese Verläufe gemeinsam haben
Viele Menschen merken irgendwann, dass Entwicklung beim Hund nicht linear verläuft, sondern in Phasen, Schleifen und Übergängen.
Entwicklung folgt selten einer klaren Linie. Sie ist individuell, oft anstrengend und kaum vergleichbar. Was sich bei dem einen Hund früh zeigt, braucht bei einem anderen sehr viel länger. Manches wird zunächst unruhiger, bevor überhaupt Ruhe möglich wird und anderes bleibt lange unsichtbar und taucht erst spät auf. Doch nicht alles verbessert sich dort, wo man es erwartet oder wo man am genauesten hinschaut.
Wenn Sie im Moment das Gefühl haben, dass sich alles komplizierter anfühlt, seit Sie genauer wahrnehmen, bedeutet das nicht, dass Sie sich verirrt haben oder auf dem falschen Weg sind. Es kann heißen, dass Sie mitten in einem Prozess stehen; und manchmal ist genau dieses Dazwischen der ehrlichste Zustand, den es gibt.
Wenn Sie sich gerade in diesem Dazwischen wiederfinden, dann ist das keine Sackgasse. Es ist ein Abschnitt. Einer, der Kraft kostet, weil er wenig Sicherheit bietet. Und gleichzeitig einer, in dem Beziehung wächst. Nicht, weil alles klappt, sondern weil Sie hinschauen. Auch dann, wenn es unbequem ist, auch dann, wenn Sie müde sind.
Vielleicht nehmen Sie aus diesem Text nicht das Gefühl mit, dass alles klarer geworden ist. Eventuell eher das Wissen, dass das, was Sie erleben, einen Platz hat und dass Entwicklung nicht daran zu erkennen ist, wie ruhig es gerade ist. Sondern daran, dass Sie geblieben sind. Dass Sie Verantwortung tragen und Sie sich nicht abgewandt haben, weder von Ihrem Hund noch von sich selbst.
Und manchmal reicht genau das.
Nette Grüße
Birthe Thompson

