Gestern ging es darum, dass Hunde nichts absichtlich schwierig machen. Dass sie uns nicht provozieren und nicht gegen uns arbeiten. Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen man denkt:
Jetzt geht gar nichts mehr. Heute schauen wir gemeinsam darauf, warum sich das dann so problematisch anfühlt und warum Lernen in solchen Situationen oft nicht mehr gut greift.
Viele Hundehalterinnen und Hundehalter kennen genau dieses Gefühl. Wir haben verstanden, dass der Hund es nicht böse meint. Dass er nicht testet, nicht manipuliert, nicht absichtlich „dichtmacht“. Und trotzdem steht man da, oft mitten im Alltag, und merkt: Ich komme gerade nicht mehr an ihn ran. Egal, was ich sage oder mache, es erreicht ihn nicht wirklich.
An diesem Punkt entsteht leicht ein innerer Widerspruch. Wenn er es nicht absichtlich macht, warum funktioniert dann trotzdem nichts? Warum scheint all das, was er eigentlich kann, plötzlich wie weg?
Warum plötzlich nichts mehr erreichbar scheint
Was hier eine Rolle spielt, ist weniger das Verhalten selbst als der Zustand, aus dem dieses Verhalten heraus entsteht. Lernen ist kein isolierter Vorgang. Es passiert nicht einfach, weil etwas einmal geübt wurde. Lernen braucht ein Nervensystem, das aufnahmefähig ist. Und genau das ist in belastenden Phasen oft nicht der Fall.
Stress ist dabei nichts Spektakuläres. Er zeigt sich nicht immer laut oder offensichtlich. Oft ist er leise, unterschwellig, über längere Zeit wirksam. Ein innerer Druck, eine Anspannung, ein Zuviel, das sich langsam aufbaut. Der Körper reagiert darauf, indem er Prioritäten verschiebt. Wahrnehmung wird enger, Reaktionen schneller, feine Abstimmung geht verloren. Nicht, weil der Hund sich verweigert, sondern weil sein System gerade anders arbeitet.
Wenn sich Anspannung langsam aufbaut
Wir können uns das gut an sehr alltäglichen Beispielen vorstellen. Ein Hund erlebt über Wochen immer wieder Situationen, die für ihn anstrengend sind, ohne dass es je richtig eskaliert. Vielleicht hat sich der Tagesrhythmus verändert. Vielleicht gibt es draußen mehr Reize als früher (Umzug, neue Nachbarn, Baustellen, neues einkaufszentrum, mehr Kinder in der Nachbarschaft …). Mehr Begegnungen, mehr Geräusche, mehr Erwartung. Oder zu Hause ist viel los, Termine, Unruhe, Streit, wochenlange Renovierungsarbeiten, wenig echte Pausen. Nichts davon wäre für sich genommen dramatisch. Und genau deshalb wird es oft nicht als Stress erkannt.
Der Hund funktioniert weiter. Er geht mit Ihnen wie gewohnt die Hunderunden, er frisst normal und schläft augenscheinlich gut. Er zeigt kein auffälliges Verhalten. Aber innerlich baut sich etwas auf. Keine Panik, kein Alarm. Eher eine dauerhafte Grundanspannung, wie ein Hintergrundrauschen, das nie ganz verschwindet.
In dieser Phase fällt vielleicht auf, dass er draußen schneller reagiert. Dass er kürzer angebunden wirkt. Dass er bei Kleinigkeiten schneller hochfährt oder sich plötzlich zurückzieht. Dinge, die früher egal waren, scheinen ihn jetzt mehr zu beschäftigen. Und irgendwann kommt der Moment, in dem etwas eigentlich Bekanntes nicht mehr gut klappt. Ein Signal, das sonst zuverlässig funktioniert hat, erreicht ihn nicht mehr. Er reagiert verzögert, gar nicht oder ganz anders als erwartet.
Von außen wirkt das wie ein plötzliches Problem. Für den Hund ist es das Ergebnis einer Entwicklung.
Was hier passiert, ist keine bewusste Verweigerung. Der Körper hat über längere Zeit gelernt: „Es ist viel.“ Ich muss wachsam bleiben. Ich darf nicht zu sehr loslassen, nicht in die komplette Entspannung und Ruhe gehen. Und genau das verändert die innere Organisation. Wahrnehmung wird enger, weil das System versucht, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Reaktionen werden schneller, weil Zeit für Abwägen fehlt. Feine Abstimmung geht verloren, weil sie Energie kostet.
Das Nervensystem arbeitet dann nicht mehr im Modus „Ich kann aufnehmen und lernen“, sondern im Modus „Ich muss handlungsfähig bleiben“. Lernen ist dafür nicht notwendig. Stabil bleiben schon.
Viele Hundehalterinnen und Hundehalter beschreiben diesen Zustand sehr treffend mit Sätzen wie: Er wirkt wie auf Autopilot. Oder: Ich habe das Gefühl, er hört mich gar nicht mehr. Und genau das trifft es oft sehr gut. Der Hund ist nicht absichtlich schwer erreichbar. Er ist innerlich stark gebunden. Nicht an den Menschen, sondern an den Zustand, in dem sein Körper gerade arbeitet.
Warum Erziehung hier an Grenzen kommt
Erziehung greift hier nur begrenzt. Nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil sie an Voraussetzungen gebunden ist. Sie kann nur dort wirken, wo Lernen möglich ist. Wo der innere Zustand es zulässt, Informationen aufzunehmen, zu verknüpfen und flexibel anzuwenden. Unter anhaltendem Stress verschiebt sich dieser Zugang. Ich möchte an dieser Stelle gerne immer mal auf uns Menschen verweisen. Stellen Sie sich vor, Sie stünden unter Stress, wie auch immer dieser aussehen mag. Vielleicht ist es die Arbeit oder Sie sind emotional in einem Ausnahmezustand. Unter Stress passieren mehr Fehler und irgendwann schalten wir selbst auf „Notreserve“, „Autopilot“ und auch unsere Zündschnur wird kürzer. Nicht, weil wir das mit voller Absicht machen, sondern weil wir schlicht und ergreifen einfach reagieren (oder eben auch nicht).
Zurück zu unseren Hunden: Das ist der Punkt, an dem Verhalten für uns problematisch wird. Nicht, weil es „schlecht“ wäre, sondern weil es für uns schwer tragbar wird. Weil es uns verunsichert, herausfordert oder an Grenzen bringt. Und genau hier passiert oft etwas sehr Menschliches: Man versucht, mit mehr Klarheit, mehr Einforderung oder mehr Kontrolle gegenzusteuern.
Für den Hund fühlt sich das nicht nach Orientierung an. Es fühlt sich nach zusätzlichem Druck an. Nach einem weiteren Reiz in einem System, das ohnehin schon viel sortieren muss. Das Verhalten, das wir dann sehen, ist kein Zeichen mangelnder Kooperation. Es ist ein Hinweis darauf, dass gerade wenig Spielraum da ist. Hundehalter*innen mit Kindern kennen das auch.
Was sich verändert, wenn man den Blick verschiebt
Wenn man beginnt, das auseinanderzuhalten, verändert sich etwas Grundlegendes. Verhalten ist dann nicht mehr der Ort, an dem man ansetzt, sondern ein Signal, das etwas über den inneren Zustand erzählt. Die Frage verschiebt sich weg von „Warum macht er/sie das?“ hin zu „Was macht es gerade so schwer?“
Diese Verschiebung ist oft entlastend. Nicht, weil sie sofort etwas löst, sondern weil sie Druck herausnimmt. Für den Hund, aber auch für den Menschen an seiner Seite. Denn wenn klar wird, dass Lernen in bestimmten Momenten schlicht nicht gut möglich ist, entsteht Raum. Raum für Beobachtung, für Verständnis und für Entwicklung, die nicht erzwungen werden muss.
Hunde lernen nicht gleichmäßig. Sie lernen in Phasen, in Wellen, in Abhängigkeit davon, wie sicher sie sich fühlen. Manche Rückschritte sind keine Rückschritte. Sie sind Nachschwingen. Verarbeitung. Ein Zeichen dafür, dass im Inneren etwas arbeitet.
Geduld ist in diesem Zusammenhang kein Erziehungsziel.
Sie ist eine Voraussetzung.
Nette Grüße
Birthe Thompson

